Der niederschlesische Husarenritt

In Deutschland kommen Abbestellungen ganzer Linien während der laufenden Fahrplanperiode so gut wie nicht vor. Jeder Stilllegung geht in der Regel eine Jahre dauernde Prozedur voraus, in der Gegner und Befürworter nichts unversucht lassen, um ihr Ziel zu erreichen. So geschehen in Sachsen auf der Strecke Döbeln-Meißen oder in Thüringen Sachsen-Anhalt mit der Wipperliese.

Unsere polnischen Nachbarn sind da weniger zimperlich. Ende Februar erwischte es den Regionalexpress zwischen Dresden und Breslau. Diese beliebte Verbindung fiel Mittelkürzungen aus Warschau zum Opfer. Reisende müssen seit März die Lücke zwischen Zgorzelec und Görlitz wieder zu Fuß oder mit einem im Stundentakt verkehrenden Bus überbrücken. Selbstredend fährt dieser Bus so ungünstig, dass sich Reisezeiten extrem verlängern.

Diese, für viele Reisende wichtige direkte Bahnverbindung, wurde vor einigen Jahren erst eingeführt. Leider verging in der Vergangenheit kaum ein Jahr, wo nicht bis wenige Tage vor dem Fahrplanwechsel im Dezember nicht klar war, ob die Finanzierung und Fahrzeugbereitstellung auch gesichert ist. Ein Zustand der leider stellvertretend für den internationalen Bahnverkehr mit unserem östlichen Nachbar steht.

Das ist auch deswegen ärgerlich, weil die drei Zugpaare die einzigen Züge des Tages sind, die von Breslau bis nach Görlitz führen. Alle anderen Züge wenden im wenige hundert Meter entfernten Bahnhof Zgorzelec bzw. Zgorzelec Miasto.

Versuche der niederschlesischen Landesbahn Koleje Dolnośląskie ihre eigenen Züge bis nach Görlitz fahren zu lassen, scheiterten am Eisenbahnbundesamt dass sich in letzter Zeit mit dem kleinen Grenzverkehr auffallend schwer tut. Regelungen, die früher selbstverständlich waren, scheinen für das EBA nun Teufelswerk zu sein. Für die KD wiederum lohnt sich die Ausrüstung ihrer Fahrzeuge mit dem deutschen Zugsicherungssystem aber nicht ansatzweise.

Unmittelbar nach der Einstellungsankündigung begann hektische Betriebsamkeit bei den Vertretern der Bahngesellschaften und der regionalen und nationalen Politik. Alle beklagten die Situation und unterstrichen die Bedeutung der Direktverbindung für die Partnerstädte Breslau und Dresden.

Nun hätte das Marschallamt von Niederschlesien sicherlich irgendwo Geld locker machen können, um die Finanzierungslücke für 2015 zu schließen. Vielleicht auch auf Kosten irgendeiner Ferkeltaxe die quasi leer durch die Pampa fährt.

Man hat sich aber dazu entschlossen, hier ein Exempel zu statuieren anstatt sich weiter durchzuwuseln und setzte die Sonntagsredner aus Warschau, Dresden und Berlin kräftig unter Druck.

Auch wenn die Fahrgäste dieses Jahr richtig leiden mussten, steht am Ende ein voller Erfolg für Niederschlesien und die Passagiere:

  • Die Finanzierung der Fahrzeugmiete und der Betrieb des RE sind nunmehr auf drei Jahre gesichert
  • Ergänzend zu den drei direkten Zugpaaren hat das EBA eine Ausnahmegenehmigung für die PESA-Schienenbusse der KD erteilt. Damit ergeben sich weitere Reisemöglichkeiten (u.a. nach Hirschberg im Riesengebirge)
  • Der ungeliebte Kooperationspartner Przewozy Regionalne, der den Verkehr bislang auf polnischer Seite durchgeführt hat, wurde von einer weiteren Verbindung verdrängt und durch die Landesbahn KD ersetzt
  • Die Woiwodschaft hat eine größere Autonomie von der Warschauer Zentralregierung bei der Mittelverwendung für den SPNV erzielt.

Warten wir also auf den Tag, wo ein deutscher Aufgabenträger einen stark genutzten RE auf einer Hauptstrecke abbestellt um auf die schlechte Netzinstandhaltung oder mangelnde Finanzierung hinzuweisen. Vielleicht würden sich unsere Verkehrspolitiker dann auch unangenehm an ihre Sonntagsreden erinnert fühlen und plötzlich tätig werden.