„Eine Woche ohne Bargeld“-Versuche hinken

Alle Jahre wieder, immer dann wenn die Spitzenverbände des Handels oder der Banken ihre Statistiken zum Anteil bargeldloser Zahlung veröffentlichen oder kurz nach Ende der Ferienzeit sieht man sie häufig: Artikel in denen Testpersonen ihre Selbstversuche über ein – temporäres – Leben ohne Bargeld beschreiben.

Fortgeschrittene Varianten verschärfen diesen Test um das Ziel, nur mit in Deutschland gängigen Kreditkarten (VISA/MasterCard), nur kontaktlos oder mit dem Mobiltelefon zahlen zu wollen.

Die Ergebnisse sind zumeist ernüchternd und bescheinigen unserem Land einen erheblichen Nachholbedarf. Früher oder später sehen sich die Probanden gezwungen einzelne Einkäufe bar zu begleichen oder weichen auf extrem teurere Alternativen aus um dies zu umgehen.

Analysiert man die Schilderungen, so fällt vor allem Eines auf: Es handelt sich fast ausnahmslos um reguläre Barzahler die nun von Null auf 100 in die Welt eines Bargeldvermeiders eintauchen wollen.

Mangels entsprechender Erfahrung trifft man sich mit Freunden – natürlich – beim Stammitaliener für den nur Bares Wahres ist oder versucht in einer Kamps-Filiale am Bahnhof seine Brötchen mit der girocard zu bezahlen. Die einzige Alternative hierzu erscheint das Papp-Croissant im Bordbistro der Bahn wo man – per Magnetstreifen ausgelesen – die üblichen Kreditkarten akzeptiert.

Um eine faire und realistische Betrachtungsweise zu ermöglichen, sollte man sich zunächst die Ist-Situation in Deutschland anschauen.

Beim Karten gestützten Zahlungsverkehr besitzt die „girocard“ (ec-Karte) einen Anteil von etwas über 90%. Sie ist somit das Zahlungsmittel der Deutschen und muss daher zwangsweise Teil der Bargeld-Vermeidungsstrategie sein.

Für den Einsatz im Ausland wird dieses Bezahlverfahren ergänzt durch ein sog. Co-Badging mit„maestro“ oder „V-Pay“. Sparkassen-Kunden haben darüber hinaus noch die Möglichkeit im EAPS/EufiServ-Verbund Zahlungen zu tätigen. Das bekommt der normale Kunde aber nicht mit, da diese Prozesse im Hintergrund laufen und nur auf dem Kundenbeleg zur Kartenzahlung ersichtlich sind.

Diese internationale Flexibilität bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass auch ausländische Gäste mit ihren Debitkarten bei uns überall willkommen sind. Viele Händler und Gastronomen akzeptieren ausschließlich die nationale girocard.

Die großen Lebensmitteldiscounter Lidl und Aldi akzeptieren des Weiteren maestro und V-Pay. In Supermärkten der REWE und Kaisers-Tengelmann ist man auch mit VISA/MasterCard und Amex willkommen. Das Gleiche gilt für Tankstellen, Boutiquen, Kaufhäuser und was man im Alltag sonst so benötigt.

Die internationalen Systemgastronomie-Betriebe von BurgerKing bis Starbucks holen hier ebenfalls stark auf. Seinen Kaffee kann man für etwas unter 3 EUR wahlweise bei Starbucks kontaktlos mit PayPass bezahlen oder man nimmt das Angebot von McDonalds für 1 EUR an. An einem EasyOrder-Terminal ist auch hier die Kartenzahlung kein Problem. De facto akzeptiert McDonalds auch die Bezahlung von einem EUR am Chip & PIN-Terminal an der Kasse.

Absolute Bargeldlos-Diaspora sind leider weiterhin Bäckereien, Imbisse (auch in Einkaufszentren und Bahnhöfen), Kioske, (teilweise) öffentliche Verkehrsmittel und Taxi-Betriebe.

 

 

Aber wie kann den nun ein Leben mit wenig Bargeld aussehen?

Zu allererst benötigt man einen geeigneten Mix von Zahlungsmitteln. Dieser sieht bei mir wie folgt aus:

  1. PayBack maestro-Karte der BW-Bank mit PayPass
  2. Sparkassen-girocard mit girogo
  3. MasterCard
  4. VISA

Als Hauptkarte hat sich die leider nicht mehr neu ausgegebene maestro von Payback etabliert. Dies liegt zum Einen daran dass der Herausgeber bei Fremdwährungseinsatz keinen Aufschlag berechnet. Dieser liegt üblicherweise zwischen einem und zwei Prozent vom Umsatz. Zum Anderen verfügt diese Karte über die Kontaktlos-Funktion „PayPass“ die bei meinen vielen Polenreisen fast überall angeboten wurde. In Deutschland akzeptieren bspw. Kaisers-Tengelmann, Vapiano, Aral, Shell, McDonalds, Starbucks und Kaufhof diese schnelle Bezahlform bei der bis 25 EUR keine PIN oder Unterschrift verlangt wird.

Die SparkassenCard kommt überall dort zum Einsatz, wo Händler/Gastronomen nichts Anderes annehmen, in Verbindung mit girogo (Esso, Jet, Kaisers), GeldKarte (ÖPNV, Parken) oder zwecks Bargeldbeschaffung.

Die beiden Kreditkarten setze ich meistens online oder in der Bordgastronomie der Bahn ein. Aus Geschwindigkeitsgründen finde ich das Unterschreiben eines Belegs einfach hinderlich. Die Sparkassen hatten bislang aber nicht den Mut auf Chip & PIN umzustellen.

Bewusst verwende ich keinerlei Bezahl-Apps im Einzelhandel (bspw. netto Markendiscount, Yapital etc.) da das Handling einer schnellen Bezahlung immer noch im Weg steht. Auch möchte ich mir nicht an jeder Kasse überlegen, welches Programm ich nun starten muss. Es reicht schon vollkommen dass in Deutschland nicht wie bspw. in Polen sämtliche Karten diskriminierungsfrei akzeptiert werden. Hier ruht sämtliche Hoffnung auf die von der EU verhängte Begrenzung der Interchange-Gebühren, die für Händler den preislichen Unterschied zwischen den Verfahren stark reduzieren.

Ich habe mich aber bei verschiedenen Mobilitäts-Apps registriert: MyTaxi, DB, VDV Handyticket

Als Fan der kontaktlosen Bezahlarten habe ich noch die beiden Apps von girogo bzw. PayPass auf meinem Smartphone. VISA bietet eine solche App leider nicht, jedoch ist davon auszugehen dass überall dort wo PayPass von MasterCard/maestro implementiert wurde, dies auch für Paywave von VISA gilt.

Meine GeldKarte ist für den Einsatz von girogo im Geschäft oder am Parkautomaten immer mit rund 50 EUR geladen. Da meine Sparkasse das Abo-Laden noch nicht anbietet, lade ich die Karte zuhause am PC mit einem Kartenleser online auf.

Nachdem nun alle „technischen“ Voraussetzungen gegeben sind gilt es nun noch einige psychologische Vorbereitungen zu treffen.

Im Laufe der Jahre hat sich herausgestellt dass ich trotz bevorzugter Bezahlung mit Karte immer noch einen ziemlich hohen Bargeldbedarf hatte. Meine durchschnittlichen Bargeldabhebungen beliefen sich anfangs auf 80 EUR. Häufig landeten am Abend massig Münzen von 1 Cent bis 2 EUR in der Spardose und wenige Tage später war schon wieder der Gang zum Automaten angesagt.

Wie konnte das passieren? Leider bekommt man als Deutscher ständig von seiner Umgebung eingeredet dass Kartenzahlung für Kleinbeträge „affig“, „teuer“, „böse“ oder „langsam“ sei. Das sitzt so tief im Unterbewusstsein dass viele Menschen neben einem Chip & PIN Terminal an der Kasse stehen und doch einen Bon von 6,47 EUR mit einem 50 EUR Schein begleichen. Entsorgt man das Kleingeld dann allabendlich in der Spardose, so schmilzt der Bestand im Portemonnaie zusehends.

In mehreren Schritten habe ich es geschafft meinen durchschnittlichen Abhebebetrag auf 25 EUR zu reduzieren, so dass ich meistens etwa zehn bis 20 EUR Bargeld bei mir trage.

Es diszipliniert unheimlich, wenn man mit einer vermeidbaren Barzahlung plötzlich 60% seines Bargeldbestands abgeben müsste.

 

Auch sollte man sich bewusst werden, dass die Kosten für Bargeldhandling jenes für eine Debit-Kartenzahlung längst erreicht haben. Man nimmt dem Händler also nichts weg und muss sich keine Gedanken über fünf hungernde Kinder machen.

Soviel zur Theorie. Wie sieht denn nun der bargeldarme Alltag aus?

Da wie oben beschrieben der Einzelhandel mittlerweile weitestgehend zumindest girocard akzeptiert, folgen hier nun einige Tipps um die restlichen Bezahlvorgänge in Zukunft auch bargeldlos abwickeln zu können?

Die Bäckerei

In Deutschland findet man Bäckereien die bargeldlose Bezahlung akzeptieren ungefähr so häufig, wie Bäckereien die ihre Brötchen noch klassisch selbst herstellen. Es dominieren Ketten wie Kamps, BackWerk & Co.

Da in diesen Franchise-Betrieben nur industriell gefertigte Rohlinge aufgebacken werden, kann man seine Brötchen ohne Qualitätsverlust auch in den Tankstellen-Backshops beziehen. Belegte Brötchen sind dort teilweise günstiger als bei Kamps! Alle Tankstellenketten akzeptieren Karten, vielfach mittlerweile auch kontaktlos.

Gleiches gilt übrigens auch für Kioske. Bier bekommt man auch an der Tankstelle.

Hat man aber einen Traditionsbetrieb in der Nachbarschaft, so sollte man diesen natürlich bevorzugen.

Bus & Bahn

Eine der wenigen verbliebenen Domänen der GeldKarte sind die kommunalen Verkehrsbetriebe. Leider gibt es aber auch Städte wo selbst diese Bezahlart nicht mehr möglich ist. Als Alternative bieten die meisten Betriebe eigene oder in Verbindung mit dem VDV herausgegebene mobile Apps an. Hier kann man bequem mit PayPal, Lastschrift oder Kreditkarte bezahlen.

Parken

Im öffentlichen Raum akzeptieren zumindest die größeren Städte die GeldKarte oder bieten Mobiltelefon gestützte Verfahren an. Leider sind immer noch viele Parkhausbetreiber der Meinung dass man Preise von 4 EUR/h mit Münzen zahlen müsste. Hier hilft nur Vergleichen. Es wird immer ein Parkhaus geben das Kunden freundlicher agiert.

Imbiss & Fastfood

Während man bspw. in Polen seinen Döner Kebap oder die Asia-Box selbstverständlich mit Karte bezahlen kann, ist das in Deutschland leider bislang so gut wie nicht möglich. Möchte man sein Notfallbargeld hierfür nicht antasten, so bleibt nur der Weg in ein „normales“ Restaurant oder eine Filiale der großen Fastfood-Ketten. Dazu muss man aber leider auch sagen dass es noch viele McDonalds-Franchisenehmer gibt die sich der Kartenzahlung verweigern.

Ich spreche hier gezielt Mitarbeiter auf das Thema an und hinterlasse entsprechend negative Bewertungen bei Yelp und Foursquare. Vielleicht bewegt sich hier ja doch noch mal etwas.

Im Restaurant

Es gibt nur noch wenige Restaurants die nicht mindestens die girocard akzeptieren. Man sollte auch keine Bedenken haben, der einzige einer getrennt zahlenden Gruppe zu sein, der seinen Anteil mit Karte begleichen möchte. Sollte der Wirt einen Mindestumsatz verlangen, so kann man bspw. anbieten für einen Begleiter oder gleich die ganze Runde die Rechnung zu übernehmen und das Bargeld entsprechend einsammeln. So erspart man sich den nächsten Gang zum Geldautomaten.

Restaurants die ausschließlich auf Bargeld setzen sehen mich kein zweites Mal. Entsprechende Hinweise bei Yelp und Foursquare erfolgen auch hier.

Das Nachtleben

Das Mitführen einer beschränkten Menge Bargeld kann an der Theke sehr disziplinierend wirken. Dennoch bieten die meisten Bars in größeren Städten auch Kartenzahlung an. Die Eckkneipe wird dies aber ebenso wenig tun wie der schrömmelige Indie-Rock-Club im Kellergewölbe.

Bis man dort wie in Warschau jeden Drink einzeln mit Chip & PIN begleicht werden wohl noch ein paar Jahre vergehen. Für Leute die weder mit Geld noch mit Alkohol umgehen können ist das vielleicht nicht ganz so verkehrt.

Die Hotelbar

Als Vielreisender schließe ich häufig meine Abende mit einem Bier an der Hotelbar ab. Auch hier ist Deutschland wiederum das Land, wo man Kartenterminals an den wenigsten Bars antrifft. Es ist aber immer möglich seinen Verzehr auf die Zimmerrechnung buchen zu lassen. Das hat auch den Vorteil dass die in der Regel auch auf Barumsätze gewährten Status- und Prämienpunkte der Hotelketten wirklich verbucht werden.

Im Privatleben

Egal ob man sich an den Kosten des Grillabends mit Freunden beteiligt, die von Verwandten aus Polen mitgebrachten Zigaretten bezahlen möchte oder mal wieder für das ganze Büro den Pizza-Bringdienst beglichen hat. Fast alle diese Geschäfte werden heute noch bar abgewickelt.

Ich bin dazu übergegangen dies per Überweisung auf das jeweilige Bankkonto zu tun. Nach einer gewissen Zeit hat man alle Bankdaten zusammen und StarMoney ergänzt die Bankverbindungen automatisch.

Vielleicht werde ich in Zukunft hier auf PayPal setzen. Einen PayPal Account besitzt fast jeder, die E-Mail-Adressen sind im Smartphone hinterlegt und Überweisungen zwischen Privatpersonen sollen kostenlos sein und finden in Echtzeit statt.

Das waren jetzt nur ein paar Beispiele. Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Genauso wenig wie Rom an einem Tag erbaut wurde, lassen sich Jahrzehnte lang gewohnte Verhaltensweisen von heute auf morgen verändern. Insbesondere in einem Umfeld das vielfach solche Veränderungen mit teilweise abstrusen Begründungen verurteilt.

Mit ein wenig Vorbereitung und einer Phase der persönlichen Umgewöhnung lässt sich ein weitgehend bargeldloser Alltag auch in Deutschland bewerkstelligen.