5. März 2024

Free Wally oder warum Apple die Öffnung der NFC-Schnittstelle in der EU total egal sein kann

Dass Apple beabsichtigt, dem Druck der EU nachzugeben und die NFC-Schnittstelle seiner Endgeräte auch, und vor Allem, für alternative Zahlungsanbieter freizugeben, dürfte inzwischen die Runde gemacht haben. Auch, dass es sich nicht um eine generöse Tat handelt, sondern weil ab Ende März empfindliche Strafen drohen.

Aber was das denn nun genau bedeutet, daran scheitern sich die Geister. Zunächst einmal sollten wir festhalten, dass wir nicht mehr Frühjahr 2018, sondern fast Frühjahr 2024 haben. Damals, als sich abzeichnete, dass Apple Pay „later that year“ nach Deutschland und in viele weitere europäische Länder kommen sollte, teilte sich die Bankenwelt in drei Lager. Und zwar in diejenigen, die sich riesig auf die Markteinführung freuten (u.a. N26, Deutsche Bank), denen Mobile Payment als ein nutzloser Hype erschien und am Allerwertesten vorbei ging und dann noch das Lager dem hierzulande Sparkassen und Genossenschaftsbanken angehörten, die gerne ihre eigenen HCE basierten Lösungen auf dem iPhone sehen wollten und in Richtung Gesetzgeber schielten und sich noch Ende 2019 über eine in das Zahlungsdiensteaufsichtsgesetz (ZAG) geschmuggelte Regelung freuten. Da stand der Launch von Apple Pay bei beiden eigentlich schon kurz bevor. Gut, bei den Genossen dauerte es dann ungeplanterweise ein paar Monate länger, aber Schwamm drüber.

Inzwischen ist die Welt aber eine andere. Schaut man sich die Liste der in Europa an Apple Pay teilnehmenden Banken an, so stellt man fest, dass kaum ein nennenswertes Institut oder eine Bankengruppe fehlt. Die Sparkassen feierten mit ihrer Implementierung der girocard einen riesigen Erfolg und bei den Genossen lassen sich nicht nur Kreditkarten virtualisieren, sondern es gibt darüber hinaus eine virtuelle Debit Mastercard resp. Visa Debitkarte für Apple Pay.

Apple User verstehen

Könnten Banken denn nun auf die Idee kommen, eine HCE-Lösung für das iPhone zu entwickeln? Ja, das könnten sie durchaus und haben dann zwei Möglichkeiten: Beide Lösungen parallel anbieten oder aber den Support für Apple Pay einstellen.

Zunächst einmal sollte man sich den Hauptunterschied zwischen einer Wallet-Lösung wie Apple Pay, aber auch Google Pay und den Apps der Banken klar machen. Sinn einer Wallet ist es, dass an einem einzigen Ort (dem virtuellen Portemonnaie = Wallet) alle Karten aller Konten eines Benutzers zusammenkommen. Die Apps der Banken entspringen hingegen dem typischen Silo-Denken. Dort findet man jeweils nur die Karten eines Institutes.

Wer also über mehr als ein Konto bei einer Sparkasse verfügt, muss mit verschiedenen Applikationen herumhantieren, die sich beim Betriebssystem anmelden und man sich für eine Applikation als Standard-Applikation entscheiden muss. Darüber hinaus lässt sich in fast jeder dieser Apps dann eine bestimmte Karte als Standardkarte definieren. Klingt ganz schön kompliziert? Ist es auch und zwar selbst dann, wenn das alles perfekt funktionieren würde. Was es meist nicht tut.

NFC-Anwendungszoo auf Android

 

Während die Fans der Android-Endgeräte gerne die Granularität der Einstellmöglichkeiten des Betriebssystems feiern, sieht das bei Apple Usern ganz anders aus. Hier zählt die Einfachheit, die Stringenz in der Bedienung und vielfach auch das Design einer Lösung mehr. Daraus resultierte dann auch der Druck ab Dezember 2018, als klar wurde welche Banken nicht zu Beginn an bei Apple Pay dabei waren, auf die Nachzügler. Parallel vermeldeten Neobanken und Fintechs einen Neukunden-Rekord nach dem Anderen.

Ich möchte zu gerne denjenigen Bankmanager oder diejenige Bankmanagerin sehen, der/die eine solche Lösung den Kundinnen und Kunden als Fortschritt verkaufen möchte. Das dürfte bereits im eigenen Vorstandskreis krachend scheitern.

HCE als Ausweg für die girocard auf dem iPhone?

Neben den Sparkassen hat bislang lediglich die kleine National Bank aus Essen ihre girocard via Apple Pay virtualisiert. Gerade das Fehlen der „girocard Fanboys und -girls“ aus dem Genossenschaftslager bietet Raum für Spekulationen. Der BVR hat dann auch in einem LinkedIn-Post im Dezember 2023 perspektivisch eine solche angekündigt. Aber deklinieren wir das doch mal ein wenig durch:

  • Sparkassen: Kein Handlungsbedarf, da alle Kartenprodukte via Apple Pay virtualisiert
  • Private Filialbanken und Genossenschaftsbanken: Kreditkarten via Apple Pay virtualisiert. Kundinnen und Kunden ohne Kreditkarte haben meist die Möglichkeit eine kostenlose virtuelle Debitkarte (Visa Debit/Debit Mastercard) für Apple Pay zu erhalten
  • Direktbanken: Visa Debit ist Top of Wallet-Produkt. Die girocard sehen eigentlich alle nur noch als Akzeptanz-Notnagel
  • Neobanken/Fintechs: „Was ist eine girocard?“. OK ausgenommen C24…

Wer heute mit dem iPhone oder der Apple Watch im Geschäft bezahlen möchte, findet seit Längerem ein Produkt im Angebot der Hausbank dafür und hat sich im Zweifel auch mit etwaigen Nachteilen, wie bspw. der verzögerten Abbuchung einiger virtueller Debitkarten oder der leicht geringeren Akzeptanz im Handel, arrangiert.

Wer vielleicht das Pech hat, aufgrund Einkaufsverhaltens oder Wohnort, häufiger mal irgendwo mit der girocard bezahlen zu müssen, hat diese meist noch im Portemonnaie. Da die Karte zum Bargeldbezug im Handel oder am Geldautomaten häufig noch gesteckt werden muss, ist nicht davon auszugehen, dass diese in naher Zukunft irgendwo zuhause in der Schublade verbleiben wird.

Damit fällt aber auch für diese Gruppe ein wesentlicher Grund weg, wieso sie sich eine weitere App installieren sollte. Für vielleicht zwei Kartenzahlungen im Monat, wenn die girocard doch sowieso im Portemonnaie steckt? Eher unwahrscheinlich. Daraus lässt sich kein Business Case stricken, falls die entsprechende App nicht irgendwo „vom Himmel fällt“. Alleinig die Volks- und Raiffeisenbanken könnten m.E. aus politischen Gründen gewillt sein, diesen Weg dennoch zu beschreiten. Die Reaktionen unter dem verlinkten LinkedIn-Artikel sprechen allerdings auch Bände. Mitarbeitende genossenschaftlicher Primärinstitute sprechen sich hier für eine Implementierung der girocard in Apple Pay aus.

Jetzt könnte man die Geschichte noch aus einer anderen Perspektive betrachten: Was wäre, wenn bspw. die Direktbanken zu dem Ergebnis kämen, dass ein rein virtuell ausgestellte girocard günstiger wäre, als eine entsprechende Karte zu produzieren und zu versenden. Wäre möglich. Aber dann muss man sich im Umkehrschluss die Frage stellen, wie viel Prozent desjenigen Teils der Kundschaft, der nach einer girocard ruft auch zu der Gruppe gehört, die alleinig per App bezahlen möchte. Schwierig, oder?

Doppelstrategie und Incentivierung

Bevor man sich die Sinnfrage eines parallelen Betriebs einer eigenen Lösung und der Unterstützung von Apple Pay stellt, sollte man auch durchleuchten, in wie weit die Verträge zwischen den Banken und Apple überhaupt so eine Möglichkeit zulassen. Hier kann ich nur spekulieren. Allerdings glaube ich kaum, dass Apple nachdem sich die ersten Regulierungsversuche bereits früh abzeichneten, hier nicht noch zusätzliche Absicherung eingebaut hat.

Nehmen wir jetzt aber mal an, dass das alles kein Problem sei und eine HCE-Lösung parallel zur Verfügung stünde. Wir sind also Bankmanager, idealerweise kurz vor der Rente und mit einem Hang zum Bargeld und haben uns das alles schön ausrechnen und danach auf vielen Seiten Papier ausdrucken lassen. In der Vorstandssitzung wird angesichts der geplanten Ersparnis schon einmal der Sekt reingetragen. Es könnte alles so schön sein, wenn da nicht jemand plötzlich die Frage in den Raum werfen würde, wie man den Kundinnen und Kunden die Nutzung der eigenen App überhaupt schmackhaft machen könne.

Da Apple Pay grundsätzlich ohne zusätzliche Kosten für die Kunden angeboten werden muss, fällt die Standardantwort „Gebührenschraube“ schon einmal weg. Also bleibt nur irgendeine Art von Belohnungssystem übrig. Davon auszugehen, dass man lediglich für eine zeitlich überschaubare Übergangsphase die Schatulle öffnen muss, wäre jedoch mehr als nur leicht naiv.

Bei einem jedoch dauerhaft implementierten Cashback-System, werden die Kosten ganz sicher höher als die Abgaben an Apple liegen, damit dieses überhaupt von den Kunden als Vorteil wahrgenommen wird. Wie schwierig so etwas selbst für Issuer von Karten ohne Interchange-Deckel ist, kann man gerade gut an American Express ablesen. Einerseits pusht man gerade die hochpreisigen Karten massiv in den Markt und streicht andererseits den Wert der Membership Rewards gegenüber Payback zusammen. Am Ende des Tages bleibt hier meist nur noch der offensiv von Instagram-Influencern mittels Kursen in den Markt getragene Traum übrig, sich alleine mit den Punkten vom Aldi-Einkauf Flüge in der First Class leisten zu können.

App-xit als ultima ratio für „Apple Pay-Banken“

Die dritte Möglichkeit wäre ein Ausstieg aus Apple Pay. Entweder komplett oder zumindest die Einstellung der kostenlosen virtuellen Debitkarten und Beschränkung von Apple Pay auf kostenpflichtige Kreditkarten.

Dem steht aber in Deutschland zunächst mal das BGH-Urteil aus dem Jahre 2021 im Wege, welches die Zustimmungsfiktion bei Änderungen von AGB für unzulässig erklärt hat. Also müsste man für das Wirksamwerden einer solchen Änderung erst einmal die Zustimmung einholen oder aber die entsprechenden Verträge ordentlich kündigen.

Sowohl national als auch europäisch betrachtet dürfte eines klar sein: Kunden ein lieb gewonnenes Produkt aus kurzfristigen Ertragserwägungen wegnehmen,  ist keine wirklich schlaue Idee. Der Wettbewerb wartet nur auf eine solche Steilvorlage.

Neue Zahlungsanbieter

Die Öffnung der NFC-Schnittstelle ermöglicht natürlich auch anderen Anbietern neue Möglichkeiten. Häufiger wurde bereits PayPal als möglicher Profiteur genannt. Schaut man aber mal ein wenig genauer hin, so kann PayPal mit seiner Gebührenstruktur aus dem Online-Handel keinen Blumentopf gewinnen. Hinzu kommt, dass man auch erst einmal Zahlungsdienstleister und Händler vom Sinn einer PayPal-Akzeptanz am POS überzeugen muss. Nicht ohne Grund bietet PayPal bspw. virtuelle Debit Mastercards unter Android an, die dazu noch in Google Pay integriert sind. So erhofft man sich wenigstens einen Teil vom Kuchen.

Bedenkt man, wie stark Paypal besonders im deutschen Markt „aus Gründen“ ist, so verwunderlich ist es jedoch, dass sie daraus in der Vergangenheit exakt Null Relevanz am physischen POS herleiten konnten. Und das, obwohl es PayPal mit rund 32 Millionen aktiven Nutzern in Deutschland sicherlich nicht an der kritischen Masse fehlt, von denen potentielle Neueinsteiger Lichtjahre entfernt sind.

Was aber völlig fehlt: Ein Bezahlproblem, welches ein wie auch immer gearteter Anbieter lösen könnte. Dies gilt im Übrigen auch für die anderen Länder der EU, in denen es bereits jetzt eine Koexistenz nationaler und internationaler Bezahlverfahren gibt.

Fazit

Die Öffnung der NFC-Schnittstelle zum heutigen Zeitpunkt dürfte Apple keinerlei Kopfschmerzen verursachen. Rund 2.500 Banken und Millionen von begeisterten Anwenderinnen und Anwendern setzen auf die Wallet-Lösung. Die inzwischen flächendeckende Abdeckung mit NFC-Terminals war eine der wesentlichen Grundlagen für den Erfolg. Apple Pay hat sich binnen weniger Jahre von einem Exoten-Thema für Nerds zum absoluten Mainstream im europäischen Markt entwickelt. Daran wird niemand etwas rütteln können.

Spannender sieht es auf der anderen Seite des Tresens aus. Hier dürften demnächst mehr als nur ein Anbieter von App-basierten Kartenterminals zu finden sein. Ich hoffe hier auch auf mehr Wettbewerb im Bereich der Konditionen. Bislang liegen die Konditionen der App-basierten Lösungen jedenfalls nicht unter dem, was man für einen Vertrag mit handelsüblichem Kartenterminal bezahlt.

Marc-Oliver Schaake

Lotus / IBM / HCL Notes Professional Mag Reisen mit dem Zug, insbesondere mit Nachtzügen Kartenzahler seit 1987

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