girocard kontaktlos – Den richtigen Moment verpasst (Updated)

Man war sich sicher: 2017 sollte das Jahr der kontaktlosen girocard werden. Zuvor hat die beliebteste Bezahlkarte fast fünf Jahre bei der Einführung der NFC-Technologie verloren, indem ihr vornehmlich die Sparkassen einen Umweg über das Prepaidsystem girogo samt entsprechendem Feldtest in der Region Hannover verordnet haben.

Nachdem die genossenschaftlichen Kreditinstitute das Thema girogo inkl. der GeldKarte zu einer Zeit, wo die Sparkassen gerade auf Hochtouren liefen und die Werbetrommel rührten, quasi im Vorbeigehen beerdigt haben, war allen Beteiligten klar, dass schleunigst eine direkt mit dem Girokonto verbundene Lösung her muss.

Grund hierfür war sicherlich auch, dass die ersten Handelsketten in Deutschland plötzlich entdeckten, dass es neben der girocard auch noch andere Systeme im Markt gibt. Im Mai 2015 machte ALDI Nord den überraschenden Anfang und gab bekannt, ab sofort kontaktlose Zahlungen mit V Pay und maestro zu unterstützen. Keine zwölf Monate später haben alle wesentlichen Wettbewerber die flächendeckende Akzeptanz von maestro, V Pay, MasterCard und VISA inkl. NFC umgesetzt.

In sofern war es für viele Leute unverständlich, dass man seitens der Genossen noch in aller Ruhe einen Feldversuch in Kassel durchführen wollte, wo die Technologie doch inzwischen Mainstream sei. Auch wenn Kartenchips, Händlerterminals und das girocard Netzwerk längst unter Volllast erprobte Komponenten waren, so darf man natürlich nicht vergessen, dass dennoch ein neues System mit neuen Softwarekomponenten ausreichend getestet werden wollte.

Auf Los geht’s los. Oder doch nicht?

Sowohl Volks- und Raiffeisenbanken als auch die meisten Sparkassen haben im Sommer 2016 damit begonnen, ablaufende girocards durch Exemplare mit Kontaktlostechnologie zu ersetzen. Kunden hatten natürlich auch die Möglichkeit, vorzeitig eine neue Karte zu erhalten. So sollten zum Dezember 2016 rund 10 Mio Karten bereits getauscht worden sein.

Inzwischen nahm auch die Verbreitung NFC-fähiger Kartenterminals abseits der großen Player im Lebensmitteleinzelhandel zu. Die Bezahlung mit Apple Pay in einer badischen Landgaststätte inzwischen möglich.

Kurz vor Jahresende wurde es noch einmal spannend: Terminals, die girocard kontaktlos akzeptieren möchten, benötigen eine Zertifizierung. Als Erstes erhielt diese kurz vor Weihnachten das H5000 von Verifone (Lidl, Kaufland, ALDI Nord, Esso).

Damit war auch klar: Den Big Bang zum 2. Januar wird es nicht geben. Allerdings haben sowohl Lidl als auch die beiden ALDI-Konzerne bekanntgegeben, dass das kontaktlose Bezahlen mit der girocard schnellstmöglich flächendeckend eingeführt werden soll.

Wie immer, wenn ALDI und Lidl etwas tun, machten sie es richtig: Sowohl an den Eingangstüren als auch im Kassenbereich wurden neue Akzeptanzsticker mit Wellensymbol angebracht.

Hätte dieser Elan nur angehalten.

Unklare Kennzeichnung

Ein altbekanntes Problem der girocard ist leider immer noch die große Unbekanntheit des Namens. Bei vielen Einzelhändlern findet man auch zehn Jahre nach der Umbenennung verschiede Varianten der obsoleten „EC“-Aufkleber.

Schon bei den nächsten größeren Rollouts hielt der altbekannte Schlendrian Einzug: Auf der Webseite der REWE sprach man von „Girokarte“, selbst bei vielen von REWE selbst betriebenen Filialen findet man nach wie vor das „EC“-Logo.

Kaufland hat sich leider kein Beispiel am Schwesterunternehmen Lidl genommen und die Akzeptanz weder offiziell verkündet, noch den in den Jahren angewachsenen Zoo von Akzeptanzstickern im Kassenbereich bereinigt.

Und hat jemand etwas von EDEKA gehört?

DM hat im Mai – wie immer – mustergültig die kontaktlose Akzeptanz der girocard eingeführt. Der Wettbewerber Rossmann wollte eigentlich im zweiten Quartal seine ziemlich lahme Kasseninfrastruktur aktualisieren. Status: Unbekannt.

Ansonsten ist es aktuell ziemlich ruhig um das Thema. Leider.

Da das kontaktlose Bezahlen in Deutschland nach wie vor eine eher exotische Sache ist, bei der regelmäßig Kunden das Personal in den Läden schulen muss, ist eine klare Kennzeichnung am POS eigentlich eine Selbstverständlichkeit, damit man sich als Kunde nicht noch zusätzlich zum Deppen macht.

Natürliche Partner weiter außen vor

Wo, wenn nicht im Fastfood- und Convenience-Segment, ließen sich die Vorteile des kontaktlosen Bezahlens besser erleben? Zwar gibt es einige lokale Bäckereiketten die inzwischen ihre Liebe zur unhygienischen Münze ablegen, aber bei den wirklich relevanten Playern bleibt die girocard weiterhin nur gesteckt willkommen: Starbucks, McDonalds und Konsorten.

Die meisten BurgerKing-Restaurants erhalten ihre Kartenterminals von CardProcess (VR-Pay), einem Unternehmen der genossenschaftlichen Finanzgruppe. Hier hieß es diese Woche noch: „Karte unbekannt!“. Wieso man sich nicht einmal um seine eigenen Kunden richtig kümmert, ist mir völlig unverständlich.

Mit MasterCard und VISA auf der sicheren Seite

Innerhalb von nicht einmal zwei Jahren haben wir in Deutschland den Punkt erreicht, wo man mit einer MasterCard oder einer VISA-Karte was das kontaktlose Bezahlen angeht, eine wesentlich höhere Akzeptanzdichte als mit dem Marktführer girocard, der stolz wirbt „Mit Karte heißt: Mit girocard“ besitzt.

Die vielen Direktbankkunden wurden seit Jahren an die Nutzung ihrer „Kreditkarte“, die oftmals eine Debitkarte ist, gewöhnt. Sowohl bei ING-DiBa als auch der DKB ist die VISA-Karte inzwischen kontaktlos.

Die Sparkassen haben zum 1.7.17 ihr Kreditkartenportfolio mit NFC ausgestattet. Bei den Volks- und Raiffeisenbanken begann man bereits 2016 – zunächst mit den Goldcards.

Wenn man sich aber nicht sicher sein kann, dass die girocard kontaktlos akzeptiert wird, man aber gleichzeitig eine kontaktlose Kreditkarte besitzt, bei der die Wahrscheinlichkeit höher ist, dann erzieht man die Kunden zur Nutzung eben dieser Kreditkarte. Die Umstellung, weg von der langsameren Unterschrift und ggf. Personalausweiskontrolle, hin zur Bezahlung mit PIN dürfte den Effekt noch beschleunigen.

Klar ist aber auch: Wer sich einmal daran gewöhnt hat, zuerst die MasterCard oder VISA-Karte aus dem Portemonnaie zu ziehen und sich einmal daran gewöhnt hat, mit der Monatsabrechnung eine Auflistung von 20 Coffee-To-Go zu erhalten, der wird auch dabei bleiben, insbesondere wenn die generelle Akzeptanz der internationalen Schemes auch abseits der großen Handels- und Food-Franchiseketten weiterhin so stark steigt.

Ein Zurück zur girocard, wenn vielleicht in einem oder zwei Jahren auch der letzte sein Terminal umgestellt hat, halte ich für eher unwahrscheinlich, auch wenn den meisten von uns (mir inklusive) die Verwendung von Debitkarten für alltägliche Ausgaben mehr zusagt.

Der Wettbewerb schläft nicht

Insofern kann man es nur als Ironie der Geschichte bezeichnen, wenn das Zögern der Deutschen Kreditwirtschaft bei der rechtzeitigen Einführung einer kontaktlosen Debitkarte in Kombination mit der von Markt und MasterCard/VISA erzwungenen Ausgabe von NFC-fähigen Kreditkarten dazu führt, dass man dem eigenen Heiligtum den entscheidenden Stoß versetzt hat.

Die Einführung der Debit MasterCard vor zwei Jahren war wohl nur der erste Schritt. Weitere werden folgen. Garantiert!

Persönlich finde ich das sehr traurig. Zum Einen bin ich ein Befürworter von Wettbewerb und zum Anderen kann ein gewisses Maß an Unabhängigkeit von vornehmlich US-dominierten Unternehmen auch nicht schaden.

Update 07.09.2017

Inzwischen akzeptieren immer mehr an VR Pay/CardProcess angeschlossene BurgerKing Filialen die girocard auch kontaktlos. Positiv getestet u.a. Bremen Hbf und Monheim.

Kaufland hat damit begonnen, den Sticker-Zoo an den Kassen zu bereinigen und einen einzelnen Aufkleber mit allen aktuellen Logos anzubringen. Zuerst gesehen in Duisburg-Ruhrort.

 

 

 

 

 

 

 

Neue Ticketautomaten der KVB

Die Kölner Verkehrsbetriebe erneuern zur Zeit ihre inzwischen ziemlich betagten Ticketautomaten. Dabei werden rund 900 Geräte getauscht, die sich in der Mehrzahl in den Fahrzeugen befinden. Es gibt aber auch einige stationäre Automaten an wichtigen Haltestellen.

Die letzte Generation bot neben der Zahlung mit Münzen auch die Akzeptanz der GeldKarte. Einige Automaten an den Haltestellen erlaubten auch die Bezahlung mit girocard und PIN.

Einer der Hauptkritikpunkte war – typisch Deutschland – die fehlende Akzeptanz von Banknoten. Dies wird auch in Zukunft so bleiben. Hier sprechen einfach Kostengründe und die auch in Deutschland nicht dauerhaft auszubremsende Tendenz zur Kartenzahlung dagegen.

Ein wesentlicher Schritt in die Zukunft ist aber die Möglichkeit, nunmehr auch im Fahrzeug mit Karte zu bezahlen. Akzeptiert werden neben der GeldKarte: girocard, MasterCard und VISA. Es ist davon auszugehen, dass ausländische Maestro und V-Pay-Karten ebenfalls funktionieren. Nach anfänglichen Schwierigkeiten werden jetzt alle Karten auch kontaktlos verarbeitet. Dies war zuvor girogo vorbehalten. Erfolgreich getestet wurde auch die Bezahlung mittels Apple Pay. Die etwas zickige App SEQR für Android versagte jedoch ihren Dienst. Girocard kontaktlos wird irgendwann folgen.

Als weiteres Highlight besitzen die Automaten einen Barcode-Scanner, der es ermöglicht ein zuletzt gekauftes Ticket erneut zu erwerben.

Mehr Bilder der Automaten findet ihr hier.

Seit Mai 2016 hatten die Nutzer der KVB die Möglichkeit, die neuen Automaten an ausgewählten Standorten zu testen und Feedback zu geben. Das Feedback wurde zwar vom Social-Media Team der KVB weitergereicht, es kam jedoch nie etwas aus der entsprechenden Fachabteilung zurück. In sofern finde es schon einmal positiv, dass die Payment-Probleme mit kontaktlosen Karten noch vor dem massenhaften Rollout der Automaten beseitigt werden konnten.

Schade, denn hier hätte sich eine gute Gelegenheit geboten, den Nutzer wirklich in ein wichtiges Investitionsprojekt einzubinden. Man hat zwar über die diversen Kanäle wie dem KVB-Blog über das Projekt zu Beginn informiert, aber aktuelle Wasserstandsmeldungen gab es nur auf explizite Nachfrage. Carola, Regina, Pia und Markus von der KVB wurden dann auch häufiger einmal von mir mit Fragen zu Problemen belästigt.

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Endlich: Tickets mit Apple Pay bei der KVB bezahlbar!

Damit in Zukunft mehr Tickets bargeldlos erworben werden, sollte aber kurzfristig girocard kontaktlos nachgerüstet werden. Girogo ist genau wie die GeldKarte nie richtig von den Bankkunden angenommen worden. Ich bin wohl einer der wenigen Leute, die das System noch ab und an außerhalb eines Fußballstadions verwenden 😉

Alternativ lassen sich Fahrkarten aktuell über die App von HandyTicket Deutschland und den DB Navigator erwerben. HTD bietet 3% Rabatt auf Einzelfahrausweise. Das jeweils vierte Ticket einer Preisstufe wird noch stärker rabattiert, so dass der Nutzer hier auf den Preis eines 4er-Tickets gelangt. Im VRR hingegen muss man ein 4er (oder 10er)-Ticket vorab komplett bezahlen und beim Abfahren darauf achten, dass es noch freie „Streifen“ gibt. Beim Kauf eines Einzelfahrausweises wird man nämlich nicht daran erinnert.

Fazit

Mit den neuen Automaten ist man in Köln gut für die Zukunft aufgestellt, auch wenn man nicht den Mut hatte, wie in Breslau ganz auf die Bargeldannahme in den Fahrzeugen zu verzichten.

Android Pay im Einsatz

Während man als Besitzer eines iPhones zur kontaktlosen Bezahlung auf Apple Pay angewiesen ist, so hat man als Android-User eine Vielzahl von Alternativangeboten. Neben dem auch für iOS verfügbaren boon, gibt es SEQR (SEPA-Lastschrift), LeuPay, die App der Deutschen Bank sowie einige weitere Dienste.

Der Vorteil von SEQR ist die Abrechnung per einzelner SEPA-Lastschrift vom gewohnten Girokonto. So hat man alle Kartenzahlungen an zentraler Stelle im Überblick. Leider zickt SEQR mit der Firmware in verschiedenen gängigen Bezahlterminals, so dass man das eigentlich nur eingefleischten Fans zumuten mag.

Neben den o.g. HCE-basierten Diensten gibt es aber auch von Google das direkte Pendant zu Apple Pay: Android Pay.

Während man sich inzwischen recht einfach die App boon über eine französische oder irische AppleID herunterladen und installieren kann, so macht Google es dem User mit Android Pay ungleich schwerer.

Mir war es bislang mit meiner Google ID nicht möglich, die App direkt herunterzuladen. Und das obwohl nachträglich die Rechnungsanschrift der ID auf eine Adresse in Warschau ergänzt wurde. Auch das Einlegen einer polnischen SIM hat nicht geholfen.

Netterweise habe ich von @szoszk eine aktuelle Version als APK-Datei erhalten. Diese ließ sich jedoch mit einer deutschen SIM-Karte nicht starten. Erst mit Einlegen einer polnischen SIM konnte ich die App erfolgreich aufrufen.

Ich habe dort zwei Debit MasterCard meiner polnischen Bank hinterlegt. Eine mit Abrechnung in PLN und eine mit Abrechnung in EUR. Entsprechende Angebote gibt es aber auch bspw. von irischen Banken (KBC) für Kunden in Deutschland.

Man kann in der Android Pay App eine Karte als Standardkarte hinterlegen. Wenn man am POS mit einer anderen Karte bezahlen möchte, so muss man die Pay App öffnen und die andere Karte selektieren, bevor man das Telefon an den Kartenleser hält.

Genau hier fängt das Problem an: Nach Einlegen meiner deutschen SIM-Karte hat sich die Pay App nach wenigen Sekunden deinstalliert. Eine Bezahlung am POS war nur noch mit der Standardkarte möglich. Hinzu kommt die böse Falle, dass man eine kurz vor der Deinstallation im Vordergrund geöffnete Karte b.a.w. als Standardkarte versteht. Genauso, wenn im Falle des Wechsels der Karte keine stabile Internetverbindung bestand. Also nicht wundern…

Die eigentliche Registrierung ist ziemlich unspektakulär: Karte fotografieren, per SMS erhaltene TAN der Bank eingeben, fertig!

Hält man das Telefon in Richtung eines aktivierten Kartenterminals, so taucht recht zuverlässig der Entsperrdialog auf. Mein BlackBerry KEYone hat dazu einen Fingerprintreader. Nach kurzer Zeit wird die Zahlung durch ein Abbild der Karte auf dem Display und einen grünen Haken und einer lustigen Animation bestätigt. Darauf folgt kurze Zeit später eine Pushnachricht mit Zahlungsdetails und häufig einem Kartenausschnitt aus Google Maps:

 

 

Überschreitet man die 25€/50 PLN-Grenze, so muss aktuell der PIN-Code der hinterlegten Karte am Bezahlterminal eingegeben werden. Während dies bei Apple Pay Dank CDCVM nur bei Konfigurationsfehlern des Terminals auftritt, ist dies bei Android Pay wohl Standard. Hier sollte in Zukunft wirklich nachgebessert werden.

Die automatische Deinstallation der App und damit verbunden die fehlende Kontrolle über die zu wählende Karte, machen das System für deutsche Kunden zur Zeit noch nicht wirklich attraktiv. Wer, wie @maxfassbrause ein Handy mit Dual-SIM besitzt, hat hier Glück. Wenn die Erstanlage der Google ID im Ausland stattgefunden hat, kann dies auch funktionieren. Bei meinen Recherchen habe ich viele verschiedene, angeblich funktionierende Kombinationen angetroffen, so dass ich diesbzgl. keine allgemein gültige Aussage treffen möchte.

Fazit

Ganz nett. Wer mehr als eine Android Pay fähige Karte hat, sollte tunlichst ein Dual-SIM Handy besitzen. Wem Auslandskonten zu viel Streß sind, der findet mit boon die perfekte Lösung auch für Android.

Open’er Festival: No cash? Where is the problem?

Wie einige andere aus unserer Community, so wurde auch ich von MasterCard zum Hurricane-Festival ins niedersächsische Scheeßel eingeladen. 2017 wollte man dort zum ersten Mal die Kartenzahlung mit einem offenen System näher bringen. Leider befand ich mich zu der Zeit schon auf dem Weg nach Polen, wo einige Tage später das Open’er Festival startete. Daher kam meinem Kollegen @MaxFassbrause und mir die Idee auf, mal einen Vergleich anzustellen.

Da sich die Meisten wohl leider nicht so mit Polen beschäftigen, vorweg mal ein paar Worte zum Veranstaltungsort und zum Thema Kartenzahlung in Polen.

Gdynia – lebenswerteste Stadt in Polen

Bei den auch bei uns üblichen Rankings gewinnt Gdynia regelmäßig Vergleichstests was das Thema Lebensqualität angeht. Das liegt zum Einen sicher an der hervorragenden Lage an der Ostsee mit einem Stadtstrand, so wie man es vielleicht von Barcelona kennt. Zum Anderen hat sich Gdynia in den letzten Jahren mit seinem Hafen zu einer der Wirtschaftszentren Polens entwickelt. Hier ist das Pro-Kopf-Einkommen am Höchsten und das sieht man auch.

So verwundert es auch nicht, dass der Veranstaltungskalender der Stadt prall gefüllt ist und inzwischen der eine oder andere Anwohner über die damit einhergehende Verkehrsbelastung klagt.

Die Anreise nach Gdynia ist von mehreren deutschen Flughäfen aus nach Danzig problemlos möglich. Unter Anderem fliegt WizzAir von Dortmund aus. Mit der Bahn erreicht man Gdynia täglich einmal durchgängig von Berlin aus mit einem EuroCity der PKP IC. Umsteigeverbindungen gibt es über Poznań oder Szczecin.

Kartenzahlung in Polen

Polen ist ein Beispiel dafür, dass auch in Ländern mit einer hohen Bargeldaffinität sich durchaus Kartenzahlung flächendeckend durchsetzen kann. Den Anfang machte MasterCard mit PayPass bereits in 2008. Bei meinen ersten Polenaufenthalten war ich 2009 schon in der Lage fast überall mit Karte zu bezahlen. Viele Händler hatten damals schon NFC-Terminals, die meine Payback Maestro ohne Stecken akzeptierten.

Heute sieht es so aus, dass es mit wenigen Ausnahmen in den Städten kein Café, keine Bäckerei und auch keinen Foodtruck mehr gibt, wo man nicht mindestens ein Kartenzahlungsterminal für seine Kunden bereit hält.

Die polnische Regierung, die ja nicht gerade für die Moderne steht, hat gerade erst wieder bekräftigt, dass jeder Bürger in der Lage sein muss, für sämtliche öffentlichen Dienstleistungen aber auch in privaten Geschäften bargeldlos bezahlen zu können. Polen ist da auf einem sehr guten Weg.

Größte Verbreitung in Polen haben Debit-Varianten von MasterCard und VISA. Akzeptiert werden aber selbstverständlich auch Maestro und V-Pay Karten, obwohl diese im Inland nicht (mehr) ausgegeben werden.

Während bei uns noch viele Kaufleute des rückständigen Marktführers EDEKA ausländische Kunden diskriminieren, in dem sie ausschließlich girocard akzeptieren, stellt in Polen jeder Kebapladen Kartenzahlung auch Touristen aus dem Ausland zur Verfügung.

Lediglich mit der Akzeptanz von American Express ist es hier nicht so gut bestellt. Nur wenige Geschäfte haben das Piktogramm an ihren Türen kleben, wobei ich das Gefühl habe, dass die Zahl aktuell zunimmt.

Die Festivallocation

Das Open’er Festival wird auf einer riesigen Fläche des Flughafens Gdynia-Kosakovo ausgetragen. Der Airport ist ein ehemaliger Militärflughafen und wurde in den letzten Jahren für den zivilen Luftverkehr ausgebaut. Aufgrund von Subventionsstreitigkeiten mit der EU ist er allerdings bis heute nicht in Betrieb gegangen. Hintergrund ist auch, dass der benachbarte Flughafen in Danzig (ca. 30 km Entfernung) nicht ansatzweise ausgelastet ist.

Während des Festivals fahren im Minutenabstand Busse vom Hauptbahnhof zum Festivalgelände und wieder zurück. Hierfür hat man bei sämtlichen Betrieben der Region Busse bestellt. Es dürften so um die 150 Fahrzeuge sein, die mit einer kleinen Betriebspause non-stop dafür sorgen, dass die Gäste sicher zum Gelände und wieder zurück kommen.

Während des Festivals haben alle Mobilfunkanbieter ihr LTE-Netz verstärkt. Nachdem es 2014 hier zu einigen peinlichen Ausfällen kam, konnte ich dieses Jahr problemlos Filmaufnahmen vom BlackBerry nach Facebook hochladen und auch das Surfen im Netz war problemlos möglich.

Zwischen den beiden Hauptbühnen befinden sich unzählige Getränke und Imbissstände. Hinzu kommen mehrere Sponsorentempel, wie von MasterCard und Bacardi die abends laut die Technomucke aufdrehen und wo entsprechend getanzt wird. So richtig habe ich nicht verstanden, was das mit einem Festival zu Tun hat. Aber bitte: Jedem Tierchen sein Pläsierchen.

Mittlerweile ist das Line-up ziemlich bunt gemischt. Neben ewigen Größen des Rocks wie den Foo Fighters gibt es inzwischen auch einiges aus dem Bereich Hip-Hop und elektronischer Musik.

Speisen und Getränke

Einer der Hauptsponsoren ist Heineken, nach dem das Festival früher auch benannt war. Daher gibt es dort hauptsächlich Heineken-Biere zu kaufen. Ein Becher (ca. 0,4l) kostet dieses Jahr 9 PLN (2,13€).

Hinzu kommen einige nett gestylte Lounges wo auch Zywiec, Paulaner, Desperados und Co. im Angebot sind. Alle Biere haben aber einen geringeren Alkoholgehalt, was man durchaus auch schmecken kann.

Fruchtsäfte und Wasser gibt es an den Ständen von Tymbark. Red Bull und Nescafé sind hier aber genauso unterwegs wie auch Jägermeister. Ob es einen Jäger Alkoholfrei gibt? Betrunkene Menschen sieht man hier auf dem Festival nämlich äußerst selten!

Das Angebot an Speisen ist vielfältig und reicht von den in Gdynia sehr beliebten belgischen Fritten (16 PLN/3,78€) über Pizza (ab 21 PLN/4,96€), Nudeln (20 PLN/4,72€) hin zu Sushi, Burgern (auch vegan) und polnischen Gerichten wie Bigos (um die 20 PLN/4,72€). Mein Favorit ist allerdings der wirklich mächtige Pulled Pork Burger für 25 PLN/5,90€.

Komplettiert wird das Ganze durch Crepe und Stroopwafel-Ständen. Man kann sich auf dem Gelände durchaus ein paar Tage durchfuttern. Trotz täglich rund 20 km Fußmarsch wird die Waage einem das kaum verzeihen.

Die Preise sind zwar durchaus höher als in der Stadt aber immer noch im Rahmen.

Bezahlung

Das Open’er Festival arbeitet seit 2008 mit MasterCard zusammen. Sämtliche Stände, egal ob Getränke, Essen oder Merchandising sind an das Bezahlsystem des Festivals angeschlossen. Seine Abbuchungen erhält man daher auch vom Festival und nicht vom einzelnen Händler. Die Foodtrucks haben i.d.R. aber noch eigene Terminals für den Notfall dabei. Früher wurden diese auch benötigt, um VISA-Zahlungen anzunehmen. Die Akzeptanz aller Karten abseits von MasterCard und Maestro gibt es nämlich erst seit 2016.

Um die kontaktlose Kartenzahlung zu promoten, wurden in den vergangenen Jahren tausende Prepaid-MasterCards ausgegeben. Diese konnten auf dem Festival gegen Bargeld aufgeladen werden. Restguthaben, und das ist natürlich ein Vorteil eines offenen Systems, ließ sich in jedem Geschäft auf den Kopf hauen, das MasterCard akzeptierte.

Die Abwicklung von Kartenzahlungen, egal ob kontaktlos mit Karte oder Smartphone, mit Chip & PIN oder Chip & Unterschrift erfolgt schnell und routiniert. Man merkt gleich, dass an den Verkaufsständen keine Menschen arbeiten, die privat nie Karten benutzen. Bzgl. der verschiedenen Zahlmethoden gab es auch nie Unstimmigkeiten und Rückfragen.

Um die Wartezeit zu verkürzen wurde die 50 PLN-Grenze für kontaktlose Bezahlungen ohne PIN aufgehoben. Gesteckt mussten allerdings sämtliche Beträge per PIN oder Unterschrift bestätigt werden. NoCVM gab es nicht.

Sämtliche Zahlungen mit Karten in EUR wurden in PLN abgerechnet. Es kam kein DCC zum Einsatz mit dem viele Händler und Gastronomen in Polen versuchen, noch eine schnelle Mark extra zu verdienen.

Als Terminals stehen dieses Jahr ipp 220 von Ingenico mit abgesetztem PIN-Pad und NFC-Leser zur Verfügung. Diese sind überall gut zugänglich.

MasterCard Promotion

Da sich das kontaktlose Bezahlen in Polen mittlerweile so etabliert hat, wie bei uns das Bezahlen mit Bargeld, wurden 2016 schon die alternativ erhältlichen Wertmarken eingestampft. Stattdessen führte man erstmals ein NFC-Festivalbändchen mit MasterCard-Technologie ein.

Die NFC-Armbänder lassen sich auf dem Festivalgelände gegen Bargeld aufladen. Dazu kann man entweder an einen Schalter gehen oder dies gleich selbst an einem der an vielen Stellen zur Verfügung stehenden Self-service-Terminals erledigen.

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Bei einer Aufladung von mehr als 50 PLN erhält der Kunde 10 PLN Gratisguthaben automatisch hinzu.

Zusätzlich zur Kartenzahlung lassen sich dieses Jahr auch Getränke und einige Snacks per Festival-App bestellen und per MasterPass bezahlen. Interessant hierbei ist, dass dem Kunden 25% Rabatt gewährt werden. Ein Bier (0,4l) kostet so nur 6,75 PLN anstatt 9 PLN.

Beim erstmaligen Aufrufen der Funktion wird man gefragt, ob man bereits eine Masterpass-Wallet besitzt:

 

Auf dem nächsten Screen erhält man eine Übersicht von polnischen Banken, die eine gebrandete Version der Wallet anbieten. Ganz klein unten versteckt sich dann der Link um direkt auf die Wallet mit MasterCard-Branding zuzugreifen. Aber Achtung: Nach versehentlicher Auswahl einer polnischen Bank gelangt man nur durch Löschen der Cookies wieder zu diesem Punkt zurück. Einer von vielen Punkten, der Masterpass irgendwie hakelig erscheinen lässt. Unter iOS war das Ganze übrigens komplett integriert in der App und wesentlich einfacher zu handhaben.

Mit meinen deutschen Sparkassen-Kreditkarten war die Zahlung, wie eigentlich immer in den letzten Jahren nicht möglich. Erst nach Hinterlegung einer polnischen Debit-MasterCard funktionierte dann auch die Bezahlung nach der man einen 2D-Barcode erhält. Mit diesem geht man dann zum Heineken-Stand seines Vertrauens. Allerdings gibt es dort pro Stand wohl nur einen Handscanner zwecks Validierung des Barcodes.

Alles in Allem eine nette Idee, aber der Bezahlprozess mit Masterpass ist für Android Telefone dermaßen zeitaufreibend, dass man schon sehr erpicht auf 50 Euro-Cent Ersparnis pro Bier sein muss, um sich das anzutun. Abgesehen von meinem Sparkassen-Problem dauern sämtliche Schritte mit Masterpass so lange, dass es einfach keinen Spaß macht. Wenn man unbedingt PayPal kopieren möchte, dann aber auch bitte in Sachen Geschwindigkeit und Einfachheit.

Wirklich nirgends Bargeld?

Während man für wirklich nichts auf dem Festival Bargeld benötigt, in sofern man nicht sein Festivalarmband aufladen möchte, gibt es jedoch an einer Stelle Bargeld zurück:

Normale alkoholische Getränke dürfen nicht mit in den Bereich vor den Bühnen genommen werden. Dort wird ein ultra-ultra-Light Bier von Heineken verkauft (gefärbtes Wasser). Die dickwandigeren Becher erfordern einen Pfand von 6 PLN der zwar bargeldlos kassiert, aber mit Münzen erstattet wird. Dort sitzt jemand auf einem Hocker mit einer Kiste voller 2 PLN-Münzrollen.

Geldautomaten auf dem Gelände

Geldautomaten befinden sich i.d.R. neben den NFC-Bändchenausgaben. Ich habe vier Stück gezählt, es soll aber noch ein paar mehr geben. Sie werden dieses Jahr von Planet Cash betrieben und lassen sich in polnischer oder englischer Sprache nutzen.

Angeboten werden neben der Barabhebung auch PIN-Services und das Aufladen polnischer Prepaid-Handies.

Der voreingestellte Abhebebetrag liegt bei 20 PLN und damit eher auf Notfallbargeld für Kartenzahler ausgerichtet. Man konnte aber in 20 PLN Schritten einen beliebigen Betrag bei 2000 PLN eingeben.

Mit meiner deutschen Mastercard wurde mir DCC mit einem Aufschlag von rund 10% angeboten, jedoch netterweise nur einmal zum Abschluss der Transaktion gefragt. Hier ist Euronet eindeutig nerviger.

Die Abbuchung von meiner Mastercard erfolgte ohne Betreiberentgelt zum Firstdata-Kurs.

Schlangen waren an den Automaten im Gegensatz zu vor noch einigen Jahren nicht zu sehen. Was auch daran liegt, dass inzwischen die durchaus wahrnehmbaren niederländischen und deutschen Gäste vermehrt mit eigenen Karten dort bezahlen.

Fazit

Bargeld wird in Gdynia auf dem Open’er Festival schon lange nicht mehr benötigt.