girocard kontaktlos – Den richtigen Moment verpasst

Man war sich sicher: 2017 sollte das Jahr der kontaktlosen girocard werden. Zuvor hat die beliebteste Bezahlkarte fast fünf Jahre bei der Einführung der NFC-Technologie verloren, indem ihr vornehmlich die Sparkassen einen Umweg über das Prepaidsystem girogo samt entsprechendem Feldtest in der Region Hannover verordnet haben.

Nachdem die genossenschaftlichen Kreditinstitute das Thema girogo inkl. der GeldKarte zu einer Zeit, wo die Sparkassen gerade auf Hochtouren liefen und die Werbetrommel rührten, quasi im Vorbeigehen beerdigt haben, war allen Beteiligten klar, dass schleunigst eine direkt mit dem Girokonto verbundene Lösung her muss.

Grund hierfür war sicherlich auch, dass die ersten Handelsketten in Deutschland plötzlich entdeckten, dass es neben der girocard auch noch andere Systeme im Markt gibt. Im Mai 2015 machte ALDI Nord den überraschenden Anfang und gab bekannt, ab sofort kontaktlose Zahlungen mit V Pay und maestro zu unterstützen. Keine zwölf Monate später haben alle wesentlichen Wettbewerber die flächendeckende Akzeptanz von maestro, V Pay, MasterCard und VISA inkl. NFC umgesetzt.

In sofern war es für viele Leute unverständlich, dass man seitens der Genossen noch in aller Ruhe einen Feldversuch in Kassel durchführen wollte, wo die Technologie doch inzwischen Mainstream sei. Auch wenn Kartenchips, Händlerterminals und das girocard Netzwerk längst unter Volllast erprobte Komponenten waren, so darf man natürlich nicht vergessen, dass dennoch ein neues System mit neuen Softwarekomponenten ausreichend getestet werden wollte.

Auf Los geht’s los. Oder doch nicht?

Sowohl Volks- und Raiffeisenbanken als auch die meisten Sparkassen haben im Sommer 2016 damit begonnen, ablaufende girocards durch Exemplare mit Kontaktlostechnologie zu ersetzen. Kunden hatten natürlich auch die Möglichkeit, vorzeitig eine neue Karte zu erhalten. So sollten zum Dezember 2016 rund 10 Mio Karten bereits getauscht worden sein.

Inzwischen nahm auch die Verbreitung NFC-fähiger Kartenterminals abseits der großen Player im Lebensmitteleinzelhandel zu. Die Bezahlung mit Apple Pay in einer badischen Landgaststätte inzwischen möglich.

Kurz vor Jahresende wurde es noch einmal spannend: Terminals, die girocard kontaktlos akzeptieren möchten, benötigen eine Zertifizierung. Als Erstes erhielt diese kurz vor Weihnachten das H5000 von Verifone (Lidl, Kaufland, ALDI Nord, Esso).

Damit war auch klar: Den Big Bang zum 2. Januar wird es nicht geben. Allerdings haben sowohl Lidl als auch die beiden ALDI-Konzerne bekanntgegeben, dass das kontaktlose Bezahlen mit der girocard schnellstmöglich flächendeckend eingeführt werden soll.

Wie immer, wenn ALDI und Lidl etwas tun, machten sie es richtig: Sowohl an den Eingangstüren als auch im Kassenbereich wurden neue Akzeptanzsticker mit Wellensymbol angebracht.

Hätte dieser Elan nur angehalten.

Unklare Kennzeichnung

Ein altbekanntes Problem der girocard ist leider immer noch die große Unbekanntheit des Namens. Bei vielen Einzelhändlern findet man auch zehn Jahre nach der Umbenennung verschiede Varianten der obsoleten „EC“-Aufkleber.

Schon bei den nächsten größeren Rollouts hielt der altbekannte Schlendrian Einzug: Auf der Webseite der REWE sprach man von „Girokarte“, selbst bei vielen von REWE selbst betriebenen Filialen findet man nach wie vor das „EC“-Logo.

Kaufland hat sich leider kein Beispiel am Schwesterunternehmen Lidl genommen und die Akzeptanz weder offiziell verkündet, noch den in den Jahren angewachsenen Zoo von Akzeptanzstickern im Kassenbereich bereinigt.

Und hat jemand etwas von EDEKA gehört?

DM hat im Mai – wie immer – mustergültig die kontaktlose Akzeptanz der girocard eingeführt. Der Wettbewerber Rossmann wollte eigentlich im zweiten Quartal seine ziemlich lahme Kasseninfrastruktur aktualisieren. Status: Unbekannt.

Ansonsten ist es aktuell ziemlich ruhig um das Thema. Leider.

Da das kontaktlose Bezahlen in Deutschland nach wie vor eine eher exotische Sache ist, bei der regelmäßig Kunden das Personal in den Läden schulen muss, ist eine klare Kennzeichnung am POS eigentlich eine Selbstverständlichkeit, damit man sich als Kunde nicht noch zusätzlich zum Deppen macht.

Natürliche Partner weiter außen vor

Wo, wenn nicht im Fastfood- und Convenience-Segment, ließen sich die Vorteile des kontaktlosen Bezahlens besser erleben? Zwar gibt es einige lokale Bäckereiketten die inzwischen ihre Liebe zur unhygienischen Münze ablegen, aber bei den wirklich relevanten Playern bleibt die girocard weiterhin nur gesteckt willkommen: Starbucks, McDonalds und Konsorten.

Die meisten BurgerKing-Restaurants erhalten ihre Kartenterminals von CardProcess (VR-Pay), einem Unternehmen der genossenschaftlichen Finanzgruppe. Hier hieß es diese Woche noch: „Karte unbekannt!“. Wieso man sich nicht einmal um seine eigenen Kunden richtig kümmert, ist mir völlig unverständlich.

Mit MasterCard und VISA auf der sicheren Seite

Innerhalb von nicht einmal zwei Jahren haben wir in Deutschland den Punkt erreicht, wo man mit einer MasterCard oder einer VISA-Karte was das kontaktlose Bezahlen angeht, eine wesentlich höhere Akzeptanzdichte als mit dem Marktführer girocard, der stolz wirbt „Mit Karte heißt: Mit girocard“ besitzt.

Die vielen Direktbankkunden wurden seit Jahren an die Nutzung ihrer „Kreditkarte“, die oftmals eine Debitkarte ist, gewöhnt. Sowohl bei ING-DiBa als auch der DKB ist die VISA-Karte inzwischen kontaktlos.

Die Sparkassen haben zum 1.7.17 ihr Kreditkartenportfolio mit NFC ausgestattet. Bei den Volks- und Raiffeisenbanken begann man bereits 2016 – zunächst mit den Goldcards.

Wenn man sich aber nicht sicher sein kann, dass die girocard kontaktlos akzeptiert wird, man aber gleichzeitig eine kontaktlose Kreditkarte besitzt, bei der die Wahrscheinlichkeit höher ist, dann erzieht man die Kunden zur Nutzung eben dieser Kreditkarte. Die Umstellung, weg von der langsameren Unterschrift und ggf. Personalausweiskontrolle, hin zur Bezahlung mit PIN dürfte den Effekt noch beschleunigen.

Klar ist aber auch: Wer sich einmal daran gewöhnt hat, zuerst die MasterCard oder VISA-Karte aus dem Portemonnaie zu ziehen und sich einmal daran gewöhnt hat, mit der Monatsabrechnung eine Auflistung von 20 Coffee-To-Go zu erhalten, der wird auch dabei bleiben, insbesondere wenn die generelle Akzeptanz der internationalen Schemes auch abseits der großen Handels- und Food-Franchiseketten weiterhin so stark steigt.

Ein Zurück zur girocard, wenn vielleicht in einem oder zwei Jahren auch der letzte sein Terminal umgestellt hat, halte ich für eher unwahrscheinlich, auch wenn den meisten von uns (mir inklusive) die Verwendung von Debitkarten für alltägliche Ausgaben mehr zusagt.

Der Wettbewerb schläft nicht

Insofern kann man es nur als Ironie der Geschichte bezeichnen, wenn das Zögern der Deutschen Kreditwirtschaft bei der rechtzeitigen Einführung einer kontaktlosen Debitkarte in Kombination mit der von Markt und MasterCard/VISA erzwungenen Ausgabe von NFC-fähigen Kreditkarten dazu führt, dass man dem eigenen Heiligtum den entscheidenden Stoß versetzt hat.

Die Einführung der Debit MasterCard vor zwei Jahren war wohl nur der erste Schritt. Weitere werden folgen. Garantiert!

Persönlich finde ich das sehr traurig. Zum Einen bin ich ein Befürworter von Wettbewerb und zum Anderen kann ein gewisses Maß an Unabhängigkeit von vornehmlich US-dominierten Unternehmen auch nicht schaden.

 

 

 

 

 

 

 

 

4 Gedanken zu “girocard kontaktlos – Den richtigen Moment verpasst

  1. Es ist ja genau der Wettbewerb, der hier funktioniert und bestimmte Produkte zumindest zum Nachziehen verpflichtet. Daher ist es nicht ganz konsequent, dass du das bedauerst.

    Ein einheimisches Produkt, das technisch gesehen lange auf dem Stand von vor 15 Jahren verharrte und eher aus machtpolitischen Erwägungen (ATM-Gebühren, indirekte Aussperrung ausländischer Issuer usw.) mitgeschleppt wurde, und das, ja so leid es mir tut, noch die einstige Scheckgarantienummer als „interne Kartennummer“ auf jeder Karte stolz weiterführt. Klar stört das jetzt keinen. Es zeigt aber, wie im Hause Deutsche Kreditwirtschaft offenbar noch gedacht und gelebt wird. (Die Empire-Nostalgie ist kein Monopol der Engländer.)

    Das einheimische Produkt wird bei „Profi-Kartenzahlern“ eben immer mehr durch ein höherwertiges und stetig weiterentwickeltes, internationales Produkt ersetzt. (Man hätte das auch mit der girocard haben können, das Co-Badging-Abkommen girocard-JCB ist schon seit Jahren aktiv! Nur hat man auch da wieder gepennt. Meine XING-Anfrage bei dem für girocard-JCB zuständigen Herrn für Business Development ist seit Jahren unbeantwortet ;))

    Mal ganz plakativ: Hätte man MC und V mit Gewalt aus Deutschland rausgehalten, wäre ja auch kein Bezahlparadies entstanden. Eher würde man heute noch überall wie in der Steinzeit mit Chip und Signature und ELV zahlen, auch deutlich mehr Ketten wären vermutlich noch Cash Only, weil Kartenzahlung ja umständlich ist.

    Unterlassen – das Nichteinführen von Innovationen, die verfügbar und leicht umzusetzen sind – ist irgendwann einer Handlung gleichzustellen – es dem Zahlvieh, pardon, Nutzer schwer zu machen, das Produkt zu nutzen.

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    1. Natürlich ist es der Wettbewerb der aktuell hier funktioniert. Die Geschichte ist Haus gemacht. Man hätte sich gut ins gemachte Nest setzen können. Es ist ja an sich nicht verwerflich, als Nachzügler eine Technologie zu adaptieren und die ganzen Probleme (Technik, Schulung der Mitarbeiter im Handel) der Early Adopter auslassen. Aber dann muss man auch direkt richtig einsteigen.

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  2. Ich zahle mittlerweile fast alles mit meiner DKB VISA, vor Kurzem hat such under lokaler Subway-Franchiser in beiden Lokalen Kreditkartenakzeptanz eingeführt. Die girocard nutze ich nur noch im absoluten Notfall, auch um ELV zu umgehen. Die meisten meiner Transaktionen sind übringens kontaktlos.

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