netbank: girocard aussortiert

Wie vor einigen Tagen bekannt wurde, sortiert die netbank zum Anfang Oktober die girocard aus und ersetzt diese durch eine Debit MasterCard.

Damit reitet einer der langjährigen Direktbankpioniere die nächste Attacke auf das Brot- und Butterprodukt der Deutschen Kreditwirtschaft. Neben Fidor und N26, die seit je her ausschließlich auf Produkte aus dem Hause MasterCard setzen, sowie Deutscher Bank und Commerzbank, die die Debit MasterCard als kostenpflichtige Alternative anbieten, haben wir hier den ersten Fall, wo eine etablierte Bank dem nationalen System den Rücken kehrt.

Kunden müssen sich umgewöhnen

Für den Kunden bedeutet diese Entscheidung allerdings Licht- und Schatten zugleich. Für 10€ Jahresgebühr (0€ ab 400€ monatlichem Geldeingang) erhält er ein modernes Debit-Produkt, welches weltweit in Geschäften vor Ort und im Internet akzeptiert wird. Dass die Kontaktlostechnologie PayPass zum Einsatz kommt, ist selbstverständlich.

Mit Deaktivierung der girocards verlieren die Kunden aber auch die Möglichkeit, an den Geldautomaten des Cashpools kostenlos Geld abzuheben. Lediglich eine kostenfreie Auszahlung pro Monat ist im Paket enthalten.

Da in Deutschland bislang aber auch die girocard Voraussetzung für kartengestützte Barabhebungen im Handel ist, bleibt den Kunden dieser Weg leider auch verschlossen. Hier bleibt nur zu hoffen, dass die netbank über Kooperationen diese Lücke schließen wird.

Weiterhin haben Kunden mit der Debit Mastercard aktuell in Deutschland noch eine eingeschränkte Akzeptanz. Gleiches gilt für klassische Debitkartenländer wie die Niederlande, wo man das fehlende Maestro Co-Badge schmerzlich vermissen wird.

Ob man sich als Bank mit einer solchen Hauruck-Aktion ohne Fallback für den Kunden wirklich Freunde macht, mag bezweifelt werden.

Auswirkungen auf Seiten der Akzeptanzstellen

Sollten sich mehr Geldhäuser zu diesem Schritt entschließen, wird der Druck auf Handel und Gastronomie irgendwann aber so groß werden, dass eine ausschließliche Akzeptanz von girocard bald Geschichte sein dürfte.

Hier sind aber vor Allem auch die Dienstleister gefragt: Wer heute seinen Kunden noch girocard-only Akzeptanzverträge anbietet und seine Bestandskunden nicht offensiv zur Erweiterung bestehender Verträge bei gleichzeitig guten Konditionen drängt, hat die Zeichen der Zeit verschlafen und wird die nächste Marktbereinigungsphase wohl nicht überstehen.

Aber was verspricht sich die Bank davon?

Die Herausgabe einer Debit- oder Kreditkarte kostet zunächst einmal Geld. Neben den reinen Produktionskosten werden Lizenzgebühren an die jeweiligen Kartenfirmen fällig. Weiterhin muss natürlich eine technische Infrastruktur für die Autorisierung und Abwicklung der Bezahlungen vorgehalten werden.

Die Mehrheit der in Deutschland tätigen Kreditinstitute geben ihren Kunden eigentlich zwei Karten aus. Eine girocard für den Einsatz im Inland. Auf diesen Karten wird in fast allen Fällen noch ein internationales Co-Badge wie Maestro oder V Pay aufgebracht. Auch das kostet Geld.

Wer nun noch im Internet einkaufen gehen möchte, der kommt meist um eine zusätzliche Kreditkarte nicht herum. Direktbanken geben auch diese vielfach ohne Jahresgebühr heraus und haben somit aktuell dreifache Kosten pro Kunde.

Es ist also sehr leicht nachvollziehbar, dass viele Banken sich nach einer Möglichkeit sehnen, ihren Aufwand hier zu reduzieren und dem Kunden möglichst nur ein einziges Kartenprodukt zur Verfügung stellen wollen, welches sämtliche Bedürfnisse abdeckt.

Auswirkungen der Zahlungskontenrichtlinie

Laut EU-Richtlinie hat jeder, sich rechtmäßig in der EU aufhaltende, Mensch ein Recht auf ein sog. Basiskonto pro EU-Land. Die Richtlinie sieht weiterhin vor, dass zu einem solchen Basiskonto die Möglichkeit zur bargeldlosen Bezahlung im Handel aber auch die Möglichkeit zur Abwicklung von Einkäufen im Internet gehört.

In Ländern, wie bspw. Irland und UK ist dies kein Problem, da i.d.R. immer eine Debitkarte von Mastercard oder VISA zum Konto ausgegeben wird.

Die Niederlande, als typisches Debitkartenland setzt für Online-Einkäufe auf iDeal, das mit SOFORT-Überweisung und giropay vergleichbar ist. In sofern ist das Fehlen einer Mastercard oder VISA zumindest für den nationalen Online-Markt nicht so wichtig.

Die Deutsche Kreditwirtschaft hat ihrerseits auf ihr Millionengrab Paydirekt und das wesentlich erfolgreichere Giropay verwiesen, um die Auflagen der EU zu erfüllen. Dass das aus Kundensicht eher eine Lachnummer ist: Geschenkt.

Um die Anforderungen an ein Basiskonto auf Bankenseite zu erfüllen, bliebe einem Institut wie der Netbank also nur die Möglichkeit, sich einem der beiden Systeme anzuschließen oder aber gleich den Weg über ein international anerkanntes Online-Zahlungsmittel zu gehen. Genau das haben sie mit ihrer Entscheidung pro Debit Mastercard getan.

Fazit

Kurzfristig wird die Entscheidung wohl die meisten Kunden ziemlich nerven. On the long run aber werden wir Kunden uns über mehr Zahlungsmöglichkeiten im Handel und der Gastronomie freuen können. Wenn ihr also in der Kneipe ab Oktober einen traurigen netbank-Kunden treffen solltet, der verzweifelt nach dem letzten 10er im Portemonnaie sucht: Gebt ihr oder ihm ein Bier aus!