Bargeldlos in Den Haag

Hier also nun ein neuer Beitrag aus meiner Reihe „Bargeldlos in…“. Wie immer habe ich nicht den Anspruch, einen allumfassenden Statusbericht zur Verbreitung von Kartenzahlung in der jeweiligen Region abzuliefern, sondern berichte vielmehr von den Eindrücken die ich als „unvorbereiteter Reisender“ mitnehme.

Die Niederlande sind ein klassisches Debitkarten-Land. Schon viel früher als bei uns, war es üblich, bei jeder Gelegenheit seine Karte zu zücken. So gibt es wohl auch nur noch wenige Läden, wo man nur bar bezahlen kann.

Das eigene nationale Bezahlsystem wurde im Rahmen der SEPA-Einführung durch das internationale Verfahren maestro ersetzt. Eine Bank gibt m.W. auch V-Pay Karten an ihre Kunden heraus.

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Demnach ist man als deutscher Bankkunde mit seiner girocard, auf der sich fast immer auch maestro oder V-Pay befindet, gut ausgestattet. Die Akzeptanz von MasterCard und VISA ist noch nicht so weit verbreitet. Da sieht es ähnlich aus, wie bei uns. Einige Bars hier in der Nähe haben ziemlich überdimensionierte VISA und MasterCard Sticker im Fenster hängen. Damit möchte man wohl Touristen signalisieren, dass sie ihr hoffnungslos überteuertes Bier auch mit internationalen Karten bargeldlos bezahlen können.

Allerdings scheint sich das durch die Einführung von NFC und die Senkung der Interchange-Gebühren langsam zu verändern. Immer öfters werden auch MasterCard und VISA im Alltag akzeptiert.

Die Anreise

Die Reise begann wie so häufig in Köln. Das Ticket für den Zug nach Den Haag (ICE bis Utrecht, dann IC) habe ich online gebucht und als mobiles Ticket im DB Navigator abgespeichert. Da es bei internationalen Fahrscheinen keine City-Option gibt, musste ich mir noch für 2,80€ im Bus ein Einzelticket lösen. Das ging ganz praktisch mit der GeldKarte, auf der ich immer etwas Guthaben für solche Zwecke geladen habe. Da ich nächste Woche eine neue Karte erhalten werde, habe ich den Rest an einem Sparkassen-Automaten entladen. Zur Sicherheit habe ich auch noch etwas Bargeld gezogen. Man weiß ja nie 😉

Nachdem es beim Starbucks im Kölner Hauptbahnhof ein paar technische Probleme gegeben hat, gingen dann auch die ersten 2,75€ für einen Kaffee in bar drauf.

Angekommen in Den Haag führte der erste Weg zum Sanifair WC. Die üblichen 70 Cent ließen sich problemlos kontaktlos bezahlen. Als fauler Mensch habe ich das iPhone mit Apple Pay (englische Debit MasterCard von boon) gezückt. Leider gibt es hier ein paar Abzüge in der B-Note. Die Sanifair WC sind leider nur bis 21 Uhr geöffnet. Danach werden alle Reisenden auf die Benutzung des Behinderten-WCs verwiesen. Ganz abgesehen davon, dass dieses die Bezahlung mit abgezähltem Münzgeld erwartet, dürften sich die wirklich auf diese Toilette angewiesenen Personen bedanken, wenn dieses nach einem Saufgelage in der Stadt mal wieder aussieht wie Sau.

Da das Frühstück etwas spärlich ausfiel, habe ich mir im Burger King noch schnell etwas zu Essen geholt. Bei den fest montierten Terminals (CCV VX 820) war die kontaktlose Bezahlung deaktiviert. Beim Stecken meiner Karte lachte mich dann auch direkt die Meldung „DCC Check“ an. Hier will der Betreiber offensichtlich noch mal ein paar Cent extra verdienen. Mit der SparkassenCard war allerdings kein DCC vonnöten. Eine kleine Anmerkung am Rande: Die niederländische Bahn betreibt viele der Läden in den Bahnhöfen selbst und ist somit einer der größten Franchisenehmer diverser Ketten in den Niederlanden. In diesem Falle gehörte der Burger King allerdings zu HMSHost, die wiederum ein Teil der italienischen Autogrill-Kette sind und offensichtlich auf ahnungslose Touristen setzt.

Bargeldloser ÖPNV

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Ins Hotel ging es mit der Tram, die auf einem Hochbahnsteig im Hauptbahnhof hält. Der ÖPNV und Bahnverkehr in den Niederlanden funktioniert landesweit mit einer NFC-basierten Chipkarte. Der Fahrgast muss beim Betreten und Verlassen jeweils ein- und auschecken.

Eine solche OV chipkaart gibt es umpersonalisiert in vielen Läden zu kaufen oder personalisiert auf Bestellung per Webseite. Kunden aus Deutschland können die Gebühr mit PayPal entrichten. Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, Guthaben auf die Karte zu laden: Fahrkartenautomaten in den Bahnhöfen, Lade- und Abholsäulen, Internetseite und Abo-Laden. Das Abo-Laden funktioniert aber nur mit iDeal, dem niederländischen Pendant zu PayPal und PayDirekt. An den Ladesäulen kann man auf jeden Fall mit maestro und V-Pay bezahlen. MasterCard und VISA werden nicht überall akzeptiert.

Im Webshop der Haager Verkehrsbetriebe HTM lassen sich auch Tageskarten etc. auf die Karte buchen und mit MasterCard und VISA bezahlen. Das gebuchte Ticket kann man sich dann an einer Abholsäule auf die Karte laden. Oder mit etwas Zeitverzug auch an jedem Checkin-/out-Terminal in den Verkehrsmitteln.

Was ich nicht so gut gelöst finde ist die Tatsache, dass man bspw. Tageskarten nicht mit vorhandenem Guthaben auf der Karte bezahlen kann und zwangsweise immer per Bankkarte bezahlen muss. Um Zutritt zu den Zügen der NS zu erhalten, müssen (2. Klasse) immer mindestens 20€ Restguthaben auf der Karte sein und man muss einmalig (Gültigkeit 20 Jahre) an einem Automaten der NS sein Reiseprofil hinterlegt haben (Klasse, Rabattkarten etc.)

Aber insgesamt ist das System ein Traum. Man zahlt nur für die Strecke, die man wirklich gefahren ist. Das Lösen von Zuschlägen (Sprinter) ist mit einem Wink an einer Sprinterzuschlagsäule auf dem Bahnsteig erledigt. Man muss halt nur daran denken, immer brav auszuchecken. Trickreich wird es erst, wenn man mit Zügen verschiedener Bahngesellschaften reist. Dann heißt es: Auch beim Umsteigen in der richtigen Reihenfolge auf dem Bahnsteig aus- und wieder einchecken.

Man kann über die Webseite des Betreibers seine komplette Reisehistorie einsehen. Mit wenigen Klicks erstellt man so seine Fahrtkostenabrechnung für den Arbeitgeber.

Ich frage mich, wieso die deutschen Verkehrsbetriebe so etwas nicht hinbekommen und stattdessen der ÖPNV in jeder Region unterschiedlich funktioniert.

Für Touristen gibt es immer noch die Möglichkeit, ein Tagesticket oder Stundenticket bar beim Fahrer oder im Hotel zu erwerben. In den roten R-Net Trams gibt es auch Fahrkartenautomaten. Diese akzeptieren auch alle Karten.

In Amsterdam ist man dabei, die Bargeldannahme in den Fahrzeugen komplett abzuschaffen. Ein Papierticket (mit NFC) gibt es dann nur noch gegen PIN oder kontaktlose Zahlung.

Auf der Suche nach Nahrung

Für einen Samstag Abend war die Stadt verdächtig leer. Hier und da gab es ein paar Restaurants mit mehr als drei Gästen. Der Blick auf die Speisekarte ließ mich dann doch erst einmal schlucken. Die Zahlen die dort zu lesen waren hätte ich in Złoty ohne Weiteres bezahlt. In Euro war mir das dann doch zu viel. Da werde ich für morgen erst einmal schauen, wo es sich denn wirklich lohnt hinzugehen.

Den Hunger habe ich dann im Vapiano erfolgreich stillen können. Das System funktioniert in den Niederlanden genau wie bei uns. Bargeld- und kontaktlose Bezahlung sind selbstverständlich. Glücklicherweise hat man hier auf Krombacher verzichtet und stattdessen Heineken im Ausschank.

Hotelbar – Pinnen ja graag

Im Gegensatz zu ibis in Deutschland haben die Hotelbars der Kette in den Niederlanden – wie überall anders auch – separate Kartenterminals. Der Gast muss also nicht mit rüber zur Rezeption laufen und dort bezahlen. Als Punktesammler schreibt man seine Bar-Umsätze aber besser aufs Zimmer. Nur so werden diese auch mit Treuepunkten belohnt! Ich habe mich für´s Pinnen entschieden. Neben mir standen ein paar junge Deutsche die erst einmal doof schauten, weil jemand ernsthaft zwei Bier mit Karte bezahlt. Trotz 10% ibis-Business-Rabatt lag der Preis immer noch über 10€ und so fühlte ich mich ein wenig an Paris erinnert.

Gegen mieses Wetter hilft nur …

Leider war der Sonntag so verregnet, wie es angekündigt wurde. Um die Laune etwas zu steigern, habe ich mir einen Laden gesucht, der polnische Küche serviert. Im Internet bin ich auf die spannende Kombination aus Kebab, Pizza und Kuchnia Polska aufmerksam geworden:

Im Bosfor Kebab erhält man vorne die üblichen türkischen Fastfood-Spezialitäten und Pizza. Im hinteren Teil arbeitet in einer offenen Küche ein Team von Polinnen an den Klassikern der polnischen Küche:

Eine Portion Żurek, der herrlichen Sauerteigsuppe und acht frisch gerollte Pierogi kosten 9,50€. Das sind Preise die mehr als akzeptabel sind. Nach Bestellung auf Polnisch erhält man dann einen Zettel. Mit dem muss man wieder nach Vorne zum türkischen Pizzabäcker. Selbstverständlich kann auch hier wieder mit Karte bezahlt werden. Das Terminal akzeptiert auch kontaktlose Zahlung.

Trotz der hervorragenden Stärkung und den am Sonntag in Den Haag weitestgehend geöffneten Geschäften wollte bei dem Wetter keine besonders gute Laune aufkommen. Das Kinoprogramm war auch eher zum Abgewöhnen.

Das Wetter hatte dann doch noch ein Einsehen

Auch wenn es am Sonntag ganz und gar nicht danach aussah, so wurde der Montag doch noch schön. Damit die Abreise nicht so hektisch wird, habe ich auf die Kofferaufbewahrung im Hotel verzichtet und diese stattdessen im Hauptbahnhof in ein Schließfach gestellt. Die Automaten lassen sich ausschließlich bargeldlos bezahlen. Der Automat forderte die PIN meiner MasterCard ein. Das hat Seltenheitswert, ist aber im Ausland auch bei Chip&Signature-Karten nicht ungewöhnlich.

Auf dem Weg zum Bahnhof fiel mir bereits ein kleiner Blumenladen auf, der in einem Anhänger auf dem Bahnhofsvorplatz untergebracht ist. Auch hier die bekannten Schilder „Pinnen? Ja graag“ deutlich sichtbar. Ich frage mich, wann die Deutsche Kreditwirtschaft hier endlich eine ähnliche Kampagne für die girocard startet.

Befreit vom Gepäck ging es nun für ein paar Stunden an den Strand. Das Wetter hatte Erbarmen und so konnte ich dann doch noch ein paar Sonnenstrahlen einfangen. Vielleicht die letzten für diese Saison. Die meisten Strandcafés wurden bereits abgebaut.

Das typische Frühstück („Frikandel met friets“) und weitere Leckereien kann man an den diversen Buden am Strand erwerben. Bis auf eine Ausnahme akzeptieren auch alle die Bezahlung mit maestro und V-Pay. Allerdings hängen teilweise noch mehrsprachige Schilder dort „No Credit/Debet cards“ direkt neben „Pinnen? Ja graag!“. Davon ließ ich mich nicht abhalten und bezahlte die 3,50€ mit maestro. Einige andere deutsche Touristen schauten wieder ungläubig, wie jemand für unter 100€ mit Karte zahlen kann. Dass sie nicht für den armen ausgebeuteten Betreiber Geld eingesammelt haben, war alles.

Nach ca. 12km Wanderung am Strand entlang reicht es mir dann irgendwann. Ich wollte auch nicht unbedingt die letzte Fahrtmöglichkeit nach Utrecht nehmen, von wo aus mein ICE fuhr. Also zurück zum Bahnhof und noch schnell etwas bei Starbucks getrunken und gegessen.

Um für den nächsten Besuch gewappnet zu sein, habe ich noch etwas Guthaben auf meine OV chipkaart geladen. Die Ladesäule der niederländischen Bahn bot auch das Laden mit MasterCard für einen kleinen Aufpreis von 50 Cent an. Ich habe dankend abgelehnt und dann doch die SparkassenCard gewählt.

Etwas Reiseproviant habe ich dann noch an einem Kiosk am Bahnhof Utrecht Centraal mitgenommen. Auch hier wurden wieder alle Karten kontaktlos akzeptiert.

Inzwischen sitze ich im ICE nach Köln zurück.

Fazit

Neben ein paar Euro Trinkgeld und der Benutzungsgebühr für ein WC in der kleinen Mall am Strand von Scheveningen blieb der Bargeldvorrat unangetastet. So sollte es eigentlich auch sein.

Allerdings lief der Großteil der Transaktionen über maestro. Besucher aus Ländern, in denen lediglich MasterCard oder VISA Debitkarten herausgegeben werden, haben in den Niederlanden noch wenig Freude. Es bleibt zu hoffen, dass die Senkung der InterChange-Raten durch die EU-Verordnung hier in der nächsten Zeit etwas Bewegung in den Markt bringt.

Die nächsten Wochenendtrips im Oktober führen mich nach Berlin. Der Cashless-Test dürfte deutlich negativer ausfallen. Wie ernst ich es mit der Bargeldvermeidungsstrategie angehen werde und wie zynisch mein Bericht wohl ausfallen wird, man weiß es nicht 😉

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