21. Oktober 2020

Ein Wochenende in Eisenhüttenstadt

„Eisenhütte, was?“ dürften sich jetzt vor Allem meine westdeutschen Follower*innen fragen. Die Erklärung, dass es sich um eine Stadt an der Oder in Nähe zur polnischen Grenze handelt, dürfte dann auch nicht gerade wenige zur nächsten Frage bringen: „…und was will man da?“.

Die Keimzelle der DDR-Wirtschaft

Nach dem Krieg und der Gründung der DDR begann man 1950 mit dem Aufbau eines riesigen Hüttenwerks nahe der polnischen Grenze, welches die Keimzelle der DDR-Wirtschaft darstellen sollte und zu Spitzenzeiten bis zu 16.000 Menschen Arbeit bot. Heute gehört das Werk zum Arcelor-Mittal-Konzern und beschäftigt immerhin noch 2.500 Leute.

Was die Meisten wohl nicht wissen ist, dass sich die DDR über Jahrzehnte unter den 20 führenden Wirtschaftsnationen der Welt hielt. Zeitweise soll sie auf Platz 10 gelegen haben, wobei die Berechnungsmethoden da an ihre Grenzen stießen. Für 1984 wurde aber immerhin ein 15. Platz ausgemacht. Also alles Andere als ein Leichtgewicht oder ein Entwicklungsland.

Unter den Staaten des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe übernahm die DDR in vielen Bereichen die Funktion des Lieferanten von Industriegütern, während sie zu einem Großteil ihre Rohstoffe aus anderen Ländern des Ostblocks bezog. Durch den Export dieser Güter in den Westen kamen auch große Mengen an Devisen in harter Währung wie DM oder US-Dollar ins Land.

Jedem Arbeiter seinen Palast

Um die Arbeiter und ihre Familien unterbringen zu können, wurde eine „sozialistische Wohnstadt“ in unmittelbarer Nähe zum Werk errichtet. Diese wurde bis 1961 „Stalinstadt“ genannt, bevor sie dann mit Fürstenberg (Oder) und anderen umliegenden Ortschaften 1961 im Rahmen der Entstalinifizierung in Eisenhüttenstadt umbenannt wurde.

Um die Überlegenheit des sozialistischen Wirtschaftssystems zu demonstrieren, wollte man keine hässliche Wüste von Funktionsbauten in die Landschaft stellen, sonder erschuf eine ganze Stadt bestehend aus großzügigen Wohngebäuden im Stil des sozialistischen Klassizismus.

Zwischen den Wohngebäuden befindet sich viel Grün, sowohl in den Innenhöfen als auch im Straßenraum der eher als ruhiger Rückzugsort angelegt wurde und nicht wie bspw. die Berliner Karl-Marx-Allee für große Aufmärsche der Massenorganisationen oder Militärparaden gedacht war.

Natürlich wurde auch an die entsprechende Infrastruktur gedacht. Es entstanden Kindergärten, Schulen, Theater und Gaststätten wie bspw. die Großgaststätte „Aktivist“.

Wer sich ein wenig für Architektur interessiert, für den ist die Planstadt ein wahres Eldorado und rechtfertigt einen Besuch.

Dokumentationszentrum Alltagskultur

In einer ehemaligen Kinderkrippe befindet sich heute das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR. Neben der Dauerausstellung gibt es auch einen Bereich mit wechselnden Sonderausstellungen. Aktuell geht es dabei um das Thema Deutsch-Sowjetische-Freundschaft nach dem Krieg.

Die Hauptausstellung liefert nicht nur einen guten Überblick über die Entstehung des Werkes und der Stadt, sondern auch einen interessanten Einblick in das Leben der Menschen in der DDR von der Kinderkrippe über Schule und Massenorganisationen bis hin zum Wohnen und den Konsumgewohnheiten.

Ein Besuch empfiehlt sich gerade für im Westen aufgewachsene Menschen. Man erkennt sehr schnell, dass der sozialistische Staat und die Vorstellungen auf denen das Gemeinwesen aufgebaut waren, sehr viel komplexer waren als das einheitsgraue Bild in unseren Köpfen.

Der Eintritt kostet 4€ für Erwachsene und lässt sich leider nur bar bezahlen. Einen Vorverkauf im Internet gibt es ebenfalls nicht.

Nach der Wende

Mit dem Ende der DDR begann ein wirtschaftlicher Abstieg in vielen Regionen im Osten. In Folge dessen verloren viele einst zu DDR-Zeiten bedeutende Orte einen großen Teil ihrer Bevölkerung. Die Jungen zog es in den Westen, wenn nicht gleich ins EU-Ausland.

Eisenhüttenstadt verlor so rund die Hälfte seiner Einwohner. Das macht sich auch im Stadtbild bemerkbar. Was beispielsweise bei uns in Köln undenkbar wäre, ist im Osten vielerorts im großen Stil passiert. Ganze Plattenbausiedlungen wurden dem Erdboden gleich gemacht. In Eisenhüttenstadt ist man den Weg gegangen, einzelne Häuser zu entfernen und bei anderen die Anzahl an Etagen zu reduzieren. Das, was an Neubaubestand übrig blieb wurde modernisiert und sieht inzwischen recht ansprechend aus. Den frei gewordenen Platz hat man dafür genutzt, die Stadt insgesamt in eine grüne Oase zu verwandeln.

Anreise und Mobilität vor Ort

Eisenhüttenstadt wird stündlich mit der RB11 von Frankfurt (Oder) bzw. Guben und Cottbus angefahren. Darüber hinaus gibt es einige Fahrten des RE1 aus Richtung Magdeburg und Berlin, die über Eisenhüttenstadt bis Cottbus verlängert werden. Der Bahnhof wird aktuell umgebaut, wobei sich das eigentliche Bahnhofsgebäude mittlerweile in privater Hand befindet und zusehends verfällt.

Bahnhof Eisenhüttenstadt

Innerhalb Eisenhüttenstadt verkehren einige Stadtbuslinien. Die wichtigste Linie 454 (Mo.-Fr. alle 30 Minuten, abends und am Wochenende alle 60 Minuten) ist auch die Einzige, die am Wochenende betrieben wird. Sie verbindet in einer großen Schleife alle Ortsteile mit dem Bahnhof und dem Busbahnhof. Fahrkarten lassen sich mit Bargeld beim Fahrer erwerben. Wer es etwas praktischer mag, nutzt eine der vielen Handyticket-Apps, die Fahrkarten des VBB verkaufen (u.a. HandyTicket Deutschland, DB Navigator und die BVG App).

Ich habe mich mit dem Hotel Fürstenberg für ein Hotel im gleichnamigen Ortsteil entschieden. Von dort aus läuft man ca. 40 Minuten bis in das Herz der Planstadt. Da keines der großen Bikesharing-Unternehmen vor Ort tätig ist, empfiehlt es sich vorab im Internet über die Verfügbarkeit von Leihfahrrädern zu informieren.

Wer mit dem Auto oder Fahrrad unterwegs ist, dem sei auch das nahegelegene Neuzelle samt Zisterzienserkloster ans Herz gelegt.

Hotels in Eisenhüttenstadt

Sucht man bspw. via Hotels.com, so finden sich das oben angesprochene Hotel Fürstenberg als auch das LAT Hotel & Apartmenthaus Berlin ganz oben. Letzteres liegt an der Beeskower Str. nur wenige Minuten von der Planstadt entfernt. Wer nicht mit dem Auto anreist und sich nicht auf den geraden in Randzeiten quasi nicht existenten ÖPNV verlassen möchte, der sollte vielleicht dort einchecken.

Wenig auf Touristen ausgelegt

Vorneweg muss ich sagen, dass egal ob im Hotel,  der Gastronomie oder im Bus die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter äußert freundlich und herzlich waren.

Das kann allerdings leider nicht darüber hinwegtäuschen, dass man im Wesentlichen auf Einheimische ausgerichtet ist. In der malerischen Altstadt von Fürstenberg (Oder) war es an einem Freitagabend um 20:30 nicht einmal mehr möglich, etwas zu Essen zu bekommen. Die Restaurants waren ausgebucht oder die Küche schon geschlossen. Selbst der örtliche Dönerstand macht eigentlich um 20:00 Uhr Feierabend und konnte um 20:45 lediglich noch Reste von Salat anbieten. Da um die Uhrzeit der Stadtbus seinen Dienst ebenfalls längst eingestellt hat, entfiel auch die Möglichkeit in den anderen Ortsteil zu fahren.

Sehr schön am Wasser gelegen ist das Fürstenberger Restaurant „Zum Kietz“. Nach der Pleite am Vorabend wollte ich für Samstagabend reservieren. Leider war da schon alles ausgebucht, so dass sich nicht einmal mehr ein Einzeltisch organisieren ließ.

Im Bereich der Planstadt gibt es mit dem „Aktivist“, dem Restaurant Rose und einigen Weiteren durchaus adäquate Angebote. Darüberhinaus betreibt die regionale Bäckereikette Dreißig einige Cafés im Zentrum, wo man auch den einen oder anderen Snack zu sich nehmen kann.

Wer das Leben in der Großstadt gewohnt ist und mehr oder weniger spontan in Eisenhüttenstadt etwas unternehmen möchte, der stößt leider sehr schnell an Grenzen. Und das in dem Jahr, in dem eigentlich das siebzigjährige Bestehen gefeiert werden sollte. Ich hoffe, dass man die ins nächste Jahr verschobenen Feierlichkeiten zum Anlass nimmt, hier seitens der Stadt mit der lokalen Wirtschaft an entsprechenden Informationskonzepten zu arbeiten.

Fazit

Ein sehr interessantes Wochenende und ich war definitiv nicht zum letzten Mal dort. Allerdings würde ich mir auf jeden Fall vorher etwas Zeit für die Planung des Aufenthalts nehmen und in jedem Fall Tische im Restaurant vorbestellen.

Marc-Oliver Schaake

Lotus / IBM / HCL Notes Professional Mag Reisen mit dem Zug, insbesondere mit Nachtzügen Kartenzahler seit 1987

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