Und es bewegt sich doch Etwas…

Zugegebenermaßen ist Deutschland alles Andere als Benchmark, wenn es um das bargeldlose und erst Recht das kontaktlose Bezahlen in Europa geht. Zu häufig fühlt man sich hier noch an die Steinzeit erinnert und möchte schon fast dafür dankbar sein, dass man sein Mittagessen mit Scheinen und Münzen bezahlen kann und nicht etwa ein eigens erlegtes, gegerbtes und gefärbtes Bärenfell eintauschen soll.

Das kontaktlose Bezahlen mit PayPass und PayWave ist zwar seit mindestens 2009 in Ländern wie UK, Schweden und Polen im Alltag angekommen, aber erstaunt hierzulande dennoch immer wieder Kassenmitarbeiter in Einzelhandel und Gastronomie.

Als Folge der, durch die EU verhängte, Deckelung der Interbankenentgelte bei Kartenzahlungen kann man 2016 getrost als das Jahr bezeichnen, in dem zusammen mit der extrem gestiegenen Akzeptanz von MasterCard und VISA auch das kontaktlose Bezahlen seinen einen ersten bescheidenen Durchbruch erzielen konnte.

Besonders deutlich wird hierbei, wie unterschiedlich die einzelnen Akzeptanzstellen mit dem Thema umgehen. Im Einzelhandel und insbesondere bei den Discountern und großen Verbrauchermärkten hat man das kontaktlose Bezahlen aktiv beworben und mit Marketingmaßnahmen wie Gewinnspielen und Rabatten flankiert.

In vielen kleinen Geschäften und Restaurants wurden hingegen zwar die Terminals im Rahmen der üblichen Zyklen getauscht, vielfach NFC auch aktiviert, aber kaum einer der Mitarbeiter weiß hierüber Bescheid. Das Beschränken auf girocard und teilweise zusätzlich Maestro-Akzeptanz gelten noch als Bremsklötze auf dem Weg zur Alltagstechnologie.

Des Deutschen zweitliebstes Zahlungsmittel, die girocard, hinkt in Sachen NFC nämlich leider immer noch hinterher. Der von den Sparkassen und Volksbanken 2011 eingeschlagene Sonderweg über die GeldKarte („girogo“) hat die Deutsche Kreditwirtschaft um Jahre zurückgeworfen. Während die genossenschaftlichen Kreditinstitute die Reißleine gezogen haben und mit girogo auch gleich die GeldKarte eingemottet haben, versuchen die Sparkassen es aktuell noch ein drittes Mal mit einer Kombilösung aus girogo und girocard kontaktlos. Wie so häufig scheint die Wahrung des eigenen Gesichtes wichtiger zu sein, als eine zugegebenermaßen schmerzhafte Zäsur im Interesse aller Marktteilnehmer herbeizuführen. Mit einer Einstellung der GeldKarte durch die Sparkassen wären dann auch die Betreiber der Hauptakzeptanzstellen im ÖPNV und der Parkraumbewirtschaftung gezwungen, endlich ihre Automaten zu erneuern.

Wann genau die ersten großen Handelsketten ihre Terminals für die kontaktlose Bezahlung mit der girocard bundesweit freischalten, steht noch in den Sternen. Es besteht aber Hoffnung, dass nach dem Weihnachtsgeschäft die ersten Rollouts beginnen.

Dennoch merkt man seit diesem Jahr ganz deutlich, dass einige Unternehmen das Thema Kartenakzeptanz nunmehr ernsthaft angehen. Wurde ich vor fünf Jahren bei ALDI Süd gefragt, ob ich wirklich 2,49€ mit Karte zahlen möchte, so ist das heute dort selbstverständlich.

In Dresden setzt ein selbständiger REWE-Händler (Peikert oHG) nicht nur auf Self-checkout sondern hat selbst am Imbiss-Stand zwei Terminals montiert. Das gleiche Bild beim leider bald verschwindenden Kaisers in Berlin. Bei beiden Geschäften war ein Bon von unter 2€ problemlos mit MasterCard bzw. girogo zu begleichen. Keine komischen Blicke oder mahnenden Worte.

Lange Zeit duldete McDonalds Deutschland einen Akzeptanzzoo unter seinen Franchisenehmern. Inzwischen haben aber auch bislang renitente Kartenverweigerer wie MTS Systemgastronomie in Duisburg eingelenkt und akzeptieren immerhin girocard und Maestro (kontaktlos).

Während vor wenigen Monaten die Restaurants von Burger King zumeist über ein gut verstecktes Drahtlosterminal verfügten, sieht man seit einigen Wochen in immer mehr Niederlassungen pro Kasse ein fest montiertes Ingenieco-Terminal.

Auf der anderen Seite gibt es immer noch Ketten wie EDEKA, die das Thema nicht in den Griff bekommen oder bekommen wollen. Hier entscheidet jeder Markt über die akzeptierten Karten und etwaige Mindestumsätze selbst. Aus Kundensicht eine absolute Katastrophe. Da hilft meiner Meinung nach nur die Abstimmung mit den Füßen.

Denn eines ist klar: Ganz unabhängig von den alljährlich veröffentlichten Zahlungsmittelstatistiken lässt sich beobachten, dass gerade die jüngere Zielgruppe immer selbstverständlicher die Karte auch für Kleinbeträge zückt. Egal, ob bei Lidl oder Starbucks mit Chip & PIN oder hinterlegt in Apps wie bspw. myTaxi oder HandyTicket Deutschland.

Sollten doch noch irgendwann Apple Pay und Android Pay nach Deutschland kommen, wird das den Trend beschleunigen, auch wenn man heute vornehmlich die Aluhut-Träger in der öffentlichen Diskussion wahrnimmt.

Wenn aber das Bezahlen mit Karte für immer mehr Menschen alltäglich wird und die vielen noch eingeimpfte Meinung, dass man nur höhere Beträge ab 50€ oder 100€ mit Karte bezahlen sollte, langsam aber sicher verschwindet, so müssen Konsumentinnen und Konsumenten umgekehrt ihren berechtigten Wunsch nach bargeldloser Bezahlung auch entsprechend deutlich äußern.

Wer beim Hinweis auf einen völlig aus der Zeit gefallenen Mindestumsatz von 20€ bereitwillig den letzten Schein hergibt, der kann nicht erwarten, dass sich hieran so schnell etwas ändert. Erst wenn der Ladenbesitzer zum 10. Mal an einem Tag seinen Krempel wieder einsortieren darf, weil ein Kunde diesen Mist nicht mitmachen wollte, setzt vielleicht ein Umdenken ein.

Von daher kann ich nur an alle appellieren: Hört auf, Euch über Läden ohne Kartenakzeptanz oder mit hohen Mindestumsätzen zu ärgern. Sprecht die Leute im Geschäft gezielt darauf an. Lasst Euch bzgl. des immer wiederkehrenden unsinnigen Arguments der vermeintlichen Kosten nicht hinter die Fichte führen und stimmt zur Not mit den Füßen ab.

Gerade in der Gastronomie solltet ihr die Wirte belohnen, die Euch den Service der bargeldlosen Zahlung anbieten und diesen auch eifrig nutzen. Wenn ihr mit mehreren Leuten ausgeht, kann auch einer mit Karte bezahlen und die anderen überweisen ihren Anteil dann bspw. mit PayPal oder Kwitt. Das handhabe ich im Freundes- und Kollegenkreis seit Langem so.

Denkt immer daran: Zusammen sind wir Viele und können etwas bewirken!

P.S.: Danke an Max für das Foto!

6 Gedanken zu “Und es bewegt sich doch Etwas…

  1. Schöner Artikel!

    Wobei ich meine, dass in Schweden erst ca. 2015 das kontaktlose Bezahlen wirklich aufkam, zuvor wurde immer gesteckt mit Chip und Offline-PIN. Finnland hatte es 2014/15 zwar schon, das war aber kein so großes Ding.

    Da sind Tschechien, Ungarn oder auch die Türkei (ein Land, in dem das Bezahlen mit Kreditkarte deutliuch populärer ist als in Deutschland oder Österreich – was auch mancher Kreuzberger Gastwirt zugibt) wesentlich früher dran gewesen.

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  2. Diese Schilder „keine Kartenzahlung möglich“ sind doch ein eindeutiges Eingeständnis, dass den Betreibern die Wünsche der Kunden völlig egal sind. Denn warum werden diese Schilder ausgehängt? Bestimmt nicht, weil nur ein Nerd pro Monat danach fragt.

    In einem großem Einkaufszentrum ist das in den letzten Monaten zur Mode geworden. Erst hat der Mexikaner ein Schild aufgestellt, ein paar Wochen später die Currywurst-Bude und seit neustem KFC und Pizza-Hut. Da habe ich auch ein Bild gemacht.

    Dem gegenüber steht aber auch ein Chinese, der zuerst Debitkarten und seit einigen Monaten nun auch alle Kreditkarten akzeptiert. Der hat sogar übertrieben ausgedrückt die ganze Theke mit Akzeptanzaufklebern zugeklebt. Je drei Visa- und Mastercardlogos sind es auf jeden Fall.

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    1. Ich stimme Dir da zu. Wer solche Zettel aufhängt, bei dem fragen nennenswert viele Kunden danach.

      Leider ist der Deutsche eher unterwürfig was das Thema angeht und zückt bereitwillig das Bargeld anstatt das Essen im Foodcourt einfach an der Kasse stehen zu lassen.

      Es passiert leider nicht zu selten, dass sich Kunden dafür entschuldigen, dass sie bei Lidl für 15€ mit Karte zahlen wollen, weil nicht genug Bares dabei.

      Gefällt 1 Person

      1. Ich habe tatsächlich schonmal Essen stehen gelassen, was mir aber irgendwie ein schlechtes Gewissen bereitet hat. Das Terminal hat an dem Tag nicht funktioniert, was der Betreiber aber wusste. Der hätte wenigstens ein Schild anbringen können, dass es heute technische Probleme gibt.

        Bei Mc Donalds ist es schon mehrmals vorgekommen, dass die Terminals nicht funktioniert haben. Angeblich war das Internet weg. Da die mich kennen, darf ich dann immer am nächsten Tag bezahlen. Das ist zwar nett, aber auch keine wirkliche Lösung.

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