1. Dezember 2020
Funktionsfähiger Validator der SWB

BONNsmart: Papierloses Ticketing im Nahverkehr testweise gestartet.

Als ich im April 2020 erstmals vom geplanten Versuch mit einem papierlosen Ticketingsystem in Bonn erfahren habe, war ich völlig begeistert. In Kooperation mit Scheidt&Bachmann, der Postbank und VISA wollten die SWB eine zeitgemäße Alternative zu den ansonsten in Deutschland üblichen Verkaufsautomaten schaffen.

Bedingt durch die Corona-Lage hat sich der Start des Feldversuchs ein wenig verzögert. Am 03.09. erfolgte dann, begleitet durch Landesverkehrsminister Hendrik Wüst (CDU), der Startschuss. In der ersten Phase sollten die Validatoren auf den Linien 66 (Siegburg Bf. – Bad Honnef) und SB60 (Flughafenbus) aktiviert werden. Das ist in sofern sinnvoll, als dass der ICE-Bahnhof in Siegburg und der Konrad-Adenauer-Flughafen von vielen Bonn-Besucher*innen genutzt werden.

Schrittweise sollen die Geräte in (nahezu) allen Bussen und Straßenbahnen in Bonn zum Einsatz gelangen. Wer über die Stadtgrenzen hinausfährt oder den SPNV nutzen möchte, wird allerdings um ein klassisches Ticket nicht herumkommen. Für den Bereich des VRS gibt es aber eine ganze Reihe von HandyTicket-Apps inkl. dem DB Navigator.

Wie funktioniert das Ganze?

Innerhalb Bonns werden alle Fahrten, die durch das Ein- und Auschecken erfasst werden, am Ende des Tages aufsummiert und jeweils der günstigste Fahrpreis errechnet. Darüber hinaus wird ein sog. „Fare-cap“ durchgeführt, d.h. man bezahlt maximal den Preis eines Tagestickets. Aktuell amortisiert sich dieser innerhalb Bonns bei vier Fahrten. Im Vergleich dazu: In vielen anderen Städten lohnt sich die Tageskarte bereits ab der zweiten Fahrt.

Funktionieren soll das System mit allen Debit- und Kreditkarten, die das kontaktlose Bezahlen unterstützen. Eine Sonderstellung nimmt dabei die girocard ein. Das girocard-System wird am Anfang nicht unterstützt. Allerdings haben viele Banken bereits girocards im Umlauf, die auch das Co-Badge V Pay resp. Maestro kontaktlos unterstützen. Bei den Sparkassen und der DKB sind das bspw. alle Karten, die ab Juli 2019 ausgegeben wurden, wobei einige Institute schon ein paar Wochen früher umgestellt hatten.

Mit dem Smartphone soll das System ebenfalls funktionieren, so werden bspw. explizit Apple Pay und Google Pay genannt. Bei den Android-Apps „Mobiles Bezahlen“ (Sparkassen) und „Digitale Karten“ (Volks- und Raiffeisenbanken) wird jedoch eine hinterlege VISA oder Mastercard verlangt.

Mein erster Testversuch

Nachdem ich mich bei der SWB via Twitter noch einmal über den Start des Feldversuchs erkundigt hatte, machte ich mich am Samstagnachmittag auf den Weg in Richtung Hauptstadt der Herzen. (Spoiler: Ich habe damals auf dem Auto, meiner Uni-Mappe und sonst auch überall „Ja zu Bonn!“-Aufkleber mit mir herumgetragen)

Tariflich günstig und für den Test am Besten geeignet erschien mir die Fahrt zum ICE-Bahnhof Siegburg. Von dort aus beginnt die Stadtbahnlinie 66 ihre Fahrt in Richtung Bonn und weiter nach Bad Honnef.

Mit großen Erwartungen betrat ich den etwas in die Jahre gekommenen B-Wagen des Herstellers DÜWAG. Diese wunderbaren Fahrzeuge begleiten mich seit meiner Kindheit in Essen und Mülheim an der Ruhr. In Bonn gibt es sie noch mit Schwenkschiebetüren, die so toll zischen. Da war ich dann plötzlich wieder neun Jahre alt und sehe zum ersten Mal eine U-Bahn.

Genug des Schwelgens in Erinnerungen. Zurück zum Test. Leider waren sämtliche Validatoren in diesem Fahrzeug mit einer Fehlermeldung versehen und reagierten nicht auf meine VISA-Karte. Ich habe die Fahrt darauf hin kurz unterbrochen und bin mit dem Folgekurs weiter.

Hier konnte ich mit meiner DKB VISA via Apple Pay einchecken. Bis auf das übliche „Ba Bing“ passierte allerdings nichts. Erst beim Auschecken wurde eine 0,00€-Autorisierung von der DKB gemeldet.

Nach einer kurzen Pause wollte ich meine Fahrt fortsetzen. Leider waren in Fahrzeug drei, vier und fünf auf der Strecke alle Validatoren mit Fehlermeldungen versehen oder noch gar nicht in Betrieb. Ich habe den Test daraufhin abgebrochen.

Um Punkt 2:00 in der Früh wurde dann der Betrag für eine Kurzstrecke (2€) abgebucht.

 

Vergleich mit anderen Systemen

Kontaktloses Ticketing ist außerhalb Deutschlands nicht neu. Ich habe Euch hier bereits einige Systeme in anderen Städten vorgestellt. So war ich bspw. für Euch in London, den Niederlanden (OV-chipkaart), Brüssel und Breslau.

In Bonn bedient man sich direkt bei mehreren Systemen. Das Ein- und Auschecken auch in Fahrzeugen an der Oberfläche kennt man von der OV-chipkaart in den Niederlanden. Fare-cap ist ein Feature aus London (allerdings nur bezogen auf Tageskarten und kein wöchentliches Kappen wie bei TfL) und dass man das bestehende Tarifsystem nutzt, kennt man aus Breslau. In Breslau muss man sich zu Fahrtbeginn allerdings explizit für einen Fahrkartentyp entscheiden.

Positiv an den Validatoren ist, dass sie kinderleicht zu bedienen sind. Karte oder Smartphone hinhalten und fertig. Was ich persönlich etwas schade finde ist, dass es keine Möglichkeit gibt, die Gültigkeit des Checkins zu überprüfen. In Breslau gibt es hierfür eine Funktionstaste im Touch-Display.

Laut Info von der Facebook-Seite der SWB sollen in Zukunft auf Fahrscheine mit Ermäßigung über Tasten auf dem Touch-Display ausgewählt werden können.

Fazit

Dass man auch in Deutschland nunmehr die ersten Schritte weg von den klassischen Fahrkartenautomaten geht und dabei nicht nur auf Handy-Tickets setzt, finde ich richtig. Der gewählte offene Ansatz mit Debit- und Kreditkarten senkt Nutzungsbarrieren.

Ich hätte mir nur gewünscht, dass die SWB mit Veröffentlichung der Pressemitteilung auch die Funktionsfähigkeit in allen auf den Linien 66 und SB60 eingesetzten Fahrzeugen sichergestellt hätte. Eine Ausfallquote von 80% hinterlässt einen ganz bescheidenen Eindruck.

Update 07.09.2020 zu den bestehenden Problemen

Der Hersteller des verwendeten Systems bestätigte via Twitter bekannte Probleme auf der Linie 66, an denen gerade gearbeitet würde. Die SWB wies im Übrigen darauf hin, dass bei Nichtfunktionieren der Fahrgast ein alternatives Ticket lösen müsse.

Marc-Oliver Schaake

Lotus / IBM / HCL Notes Professional Mag Reisen mit dem Zug, insbesondere mit Nachtzügen Kartenzahler seit 1987

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