Neu in Wrocław: ÖPNV-Ticketing ohne Papier mit Mastercard und VISA

In Deutschland macht das  sog. „Barsortiment“, also alle einzeln gekauften Fahrscheine vom Einzelticket über Tageskarten und Mehrfahrtenkarten, nur rund 10% am Gesamtmarkt aus. Den weitaus größte Anteil stellen Stammkunden mit ihren Zeitfahrkarten.

Gelegenheitsfahrer wie ich, die zwar über ein Auto verfügen, aber häufiger gerne mal die Tram stattdessen nehmen oder aber auf  Reisen am Zielort Öffis nutzen, haben bei uns vielfältigste Möglichkeiten an ein Ticket zu gelangen. Je nach Region und Betrieb gibt es stationäre Automaten, Automaten in Fahrzeugen, Ticketverkauf beim Fahrer oder aber eine der vielen Handyticket-Apps.

Ticketautomaten an Haltestellen und in Fahrzeugen verfügen in Deutschland leider über keinen einheitlichen Standard bzgl. der Akzeptanz unbarer Zahlungsmittel. Vom erzwungenen Schwarzfahren ohne abgezähltem Münzgeld bis hin zur kontaktlosen Akzeptanz von American Express findet man so ziemlich Alles zwischen Flensburg und Garmisch.

Ein typischer deutscher Fahrkartenautomat akzeptiert in den Regel immer Münzgeld und vielfach auch Banknoten. Damit einher geht eine sehr kostenaufwändige Logistik der Ent- und Versorgung mit Barmitteln. An Haltestellen aufgestellte Automaten stellen dazu immer noch verlockendes Ziel für Automatenknacker dar. Die Betriebe in Rostock sahen sich aus diesem Grunde gezwungen, an stationären Automaten die Bargeldakzeptanz einzustellen. Stattdessen ließen sich Fahrkarten nur noch mit Hilfe der rein deutschen girocard erwerben.

Aber auch abseits der teuren Bargeldlogistik bringt das herkömmliche System aus Belegdruck, Entwertung und Sichtkontrolle einige Nachteile mit sich. Auch ein Drucker möchte mit Tinte und Papierrollen befüllt werden. Achtlos weggeworfene Tickets verursachen zudem ein Bild der Verwahrlosung in Fahrzeugen und an Haltestellen.

Handytickets stellen zwar eine durchaus sinnvolle Ergänzung dar, können aber niemals ganz den Einzelverkauf von Fahrkarten ersetzen, da sie vom Nutzer nicht nur den Besitz eine Smartphones verlangen, sondern auch die Installation einer App und das Registrieren bei einem Zahlungsdienstleister. Was für gelegentliche Nutzung am Wohnort durchaus OK ist, nervt aber zunehmend bei Wochenendtrips oder der zweitägigen Dienstreise.

Im polnischen Wrocław (Breslau) hat man sowohl vom Konzept als auch technologisch einen sehr interessanten Ansatz gewählt. In Zusammenarbeit mit Mennica Polska (der polnischen Münzprägeanstalt, die längst als landesweit tätiger Dienstleister für den Vertrieb von Fahrscheinen und städtischen Servicekarten ein zukunftsträchtiges Geschäftsmodell entwickelt hat) entschied man sich, die erst wenige Jahre alten Fahrkartenautomaten aus den Fahrzeugen zu entfernen. Seit 2014 ließen sich in jedem Fahrzeug Fahrscheine mit Hilfe von Debit- und Kreditkarten oder der sog. Urbancard erwerben. Hinzu kamen rund 125 klassische Automaten mit zusätzlicher Akzeptanz von Münzen und Scheinen die an wichtigen Haltestellen postiert waren. Über die App „Skycash“, eine Mischung aus PayPal und HandyTicket Deutschland, ließ sich ebenfalls ein Teil der Fahrkarten aus dem Barsortiment erwerben.

Mobiler Fahrkartenautomat mit ausschließlicher Kartenakzeptanz (Chip & kontaktlos) aus dem Jahr 2014 und ein typischer Stempelautomat, der mit Aufkleber „Ich gehe in die Geschichte ein“ versehen wurde:

Stattdessen wurden in den Fahrzeugen nunmehr 3300 moderne Bildschirmterminals installiert, an denen man seine Fahrberechtigung digital erwerben kann. Die Geräte bieten die Menüführung auch auf Deutsch und Englisch an.

Statt bislang einem klassischen Automaten findet man nunmehr mindestens zwei, häufig aber drei oder mehr solcher Terminals an Bord. Zur Bezahlung dienen herkömmliche Debit- oder Kreditkarten mit Kontaktlosfunktion von Mastercard, VISA, maestro oder V-PAy. Alternativ kann auch die Guthabenfunktion der Urbancard genutzt werden. Statt den Apps von Drittanbietern wie Skycash bietet die Mennica Polska nunmehr auch eine eigene App für den Vertrieb digitaler Fahrscheine via Urbancard an.

Die Terminals drucken keinerlei Beleg mehr aus. Man kann aber die Fahrberechtigung durch Vorhalten der zur Zahlung verwendeten Karte prüfen. Genau das Gleiche tut der Prüfdienst der MPK Wrocław mit seinen mobilen Terminals.

Beibehaltung des bestehenden Tarifsystems

Während die Einführung der OV chipkaart in den Niederlanden mit einer komplett neuen Ausgestaltung des Tarifsystems einherging, setzt man in Wrocław weiterhin auf die Kombination von Zeitfahrausweisen (15, 30, 60 und 90 Minuten, 24, 48 und 72 Stunden) und Einzeltickets (gültig bis zum Verlassen des Fahrzeugs). Weiterhin erhältlich sind natürlich auch die bekannten Monats- und Jahreskarten. Diese werden auf die sog. „Urbancard“ geladen.

Somit wurde mit dem neuen Vertriebssystem auch eine der größten Hürden ausgeräumt. Veränderungen am Tarifsystem sind gerade in den bei uns verbreiteten Tarifverbunden ein großes Problem, da sämtliche Vereinfachung der Tarifstruktur an der einen Stelle eine Verringerung der Einnahmen zur Folge hat, aber auch für viele Nutzerinnen und Nutzer Fahrten gerade längere Fahrten teilweise teurer werden können. Gerade an der Stelle sind Fahrgastverbände wie der Berliner IGEB e.V. auch häufig Bedenkenträger.

Sanfter Übergang

Bemerkenswert finde ich, dass die Breslauer sich für einen Kompromiss entschieden haben. Anstatt mit Stichtag 8.3.2018 alle Papierfahrkarten zu verbannen und nur noch auf das neue System zu setzen, hat man geplant, die Zahl der stationären Automaten von 125 auf rund 170 zu erhöhen und auch diese, nach deutschen Maßstäben modernen Geräte, durch noch Modernere zu ersetzen.

Papierfahrkarten lassen sich ebenfalls an den neuen Terminals entwerten. Dazu gibt es am unteren Teil den bekannten Schlitz. Weiterhin wird man auch die Zahl der stationären Verkaufsstellen (in der Regel Kioske) von 154 auf 170 erweitern.

Es ist davon auszugehen, dass die große Anzahl deutscher Touristen in der Stadt maßgeblich dafür verantwortlich war, nicht komplett auf das neue System zu setzen. Zum Einen ist des Deutschen liebste Karte girocard bis auf wenige Ausnahmen nicht im Ausland kontaktlosfähig und zum Anderen hadern die Deutschen ganz besonders mit neuer Technologie.

Offene Standards statt Closed-Loop-Falle

Die NFC-Technologie ist auf polnischen Debit- und Kreditkarten, anders als bei uns in Deutschland, schon seit zehn Jahren quasi Standard. Egal ob Supermarkt, Kiosk, Foodtruck oder kleinem Café: Es gibt nur noch vereinzelt Orte, an denen man nicht kontaktlos bezahlen kann. Kein Betrag ist zu klein. Eine Dose Bier (Tyskie 0,5l, 3,50 PLN, ca. 82 Cent) im Żabka? Kein Problem. Kein Betrag ist hier zu niedrig.

In sofern war es nur konsequent, für Gelegenheitsnutzer auf ein offenes System mit den in Polen als Standard geltenden Mastercard und VISA-Karten zu setzen. Deren Debitsysteme maestro und V-Pay werden zwar so gut wie gar nicht in Polen ausgegeben, haben aber eine große Verbreitung in anderen europäischen Märkten.

Neben kontaktlosfähigen Bankkarten soll das System auch mit den üblichen Smartphone-Paymentsystemen via HCE, Android/Google Pay und Apple Pay funktionieren.

Nutzerinformation zum Start des neuen Systems

Bereits lange vor Inbetriebnahme wurde das System in der Presse und sozialen Medien viel besprochen. Kurz vor dem Start hat man einige Erklärbärfilme produziert, die die Nutzung auf anschauliche Weise demonstrieren.

Kauf mit Kredit- und Debitkarte:

Kauf mit Urbancard:

Meine ersten Tests

Ich habe für meine Tests drei verschiedene Systeme ausprobiert: Eine NFC-fähige Mastercard von Revolut, sowie Android Pay (virtuelle Mastercard von DiPocket) sowie Apple Pay (virtuelle Mastercard von boon./Wirecard Bank)

Der Kauf mit der Plastikkarte hat nur drei Sekunden benötigt. Neben der gewünschten Fahrkarte auf das „+“-Symbol geklickt, Bezahlen ausgewählt und Karte an das Terminal gehalten. Wenige Augenblicke später ließ sich die Transaktion bereits in der Revolut App nachvollziehen und das Terminal wünschte mir eine nette Fahrt.

Wer aus dem vollen Fahrkartenangebot auswählen möchte, muss in der Auswahlliste scrollen. Trotz Pfeilen und einem schmalen Scrollbalken, funktionierte das Scrollen über eine Wischbewegung in der Auswahlliste. Da die einzelnen Elemente dieser Liste mit Funktionen hinterlegt sind, muss man schon genau wissen, wo man den Finger aufsetzt. Das geht sicherlich besser!

Nachtrag: Wie man an den „+“ und „-“ Symbolen erkennen kann, ist auch der gleichzeitige Kauf mehrerer Fahrscheine möglich. Das ist besonders dann ganz hilfreich, wenn man mit Leuten ohne NFC-fähige Karte nach Breslau reist 😉

Probleme mit Android/Google Pay

Der nächste Test erfolgte mit Google Pay und meinem BlackBerry KEYOne mit Android 7.1.1. Bereits im Vorfeld habe ich von Problemen gelesen.

Da ich vergessen habe, meine Standardkarte von EUR (mit 0€ Guthaben) auf die Karte für Polen umzustellen, erfolgte der erste Kauf mit einem nicht gedeckten Konto. Während die DiPocket-App und Google Pay bereits signalisierten, dass die Bezahlung mangels Guthaben abgelehnt wurde, bestätigte das Terminal den Kauf und wünschte abermals eine gute Fahrt. Auch die Validierung des Tickets am selben Automaten verlief positiv. In einem anderen Fahrzeug wurde jedoch kein gültiges Ticket erkannt.

Nachdem ich die Standardkarte in Google Pay auf die gedeckte PLN-Karte umgestellt habe, konnte ich erfolgreich ein Ticket weiteres Ticket erwerben. Jedoch stürzte der Automat bei der Validierung des Tickets ab und verweigerte fortan seinen Dienst.

Apple Pay

Ebenso wie in Deutschland, ist Apple Pay noch nicht in Polen verfügbar. Dennoch erwähnt die Mennica Polska explizit den Dienst aus Cupertino. Hier verlief der Test erfolgreicher. Sowohl der Kauf des Tickets, als auch die Validierung verliefen ohne Probleme. Für die Validierung am Terminal wurde eine 1ct-Buchung versucht, die aber nicht abgeschlossen wurde und auch nicht in der Umsatzübersicht der boon.-App auftaucht.

Da das iPhone über einen NFC-Booster verfügt, war auch das Handling in einem anfahrenden Fahrzeug wesentlich komfortabler als mit dem BlackBerry KEYOne, dessen NFC Antenne nicht nur ungünstig im Gerät positioniert wurde, sondern auch ziemlich schwach auf der Brust ist, was das Thema Reichweite angeht.

Mein Fazit

Abgesehen von dem bereits bekannten Problem mit Android/Google Pay und der etwas gewöhnungsbedürftigen Scroll-Logik ein durchaus praktikables System für den Alltagsnutzer. Schwierigkeiten dürfte es höchstens geben, wenn Arbeitgeber für dienstliche Fahrten partout nach einem Papierbeleg fragen und ein kopierter Kontoauszug nicht ausreicht. An der Stelle vermisse ich Skycash, die aktuell keine Fahrkarten für Breslau verkaufen. Dort hatte man die Möglichkeit, für jedes einzelne Ticket eine Rechnung mit ausgewiesener MwSt. per E-Mail zu erhalten.

Traurig stimmt mich, dass die deutschen Betriebe leider in Sachen Payment so rückständig und zögerlich agieren. In der einen Stadt geht der auch mit der Politik ausgetragene Streit um die Annahme von Banknoten (Köln), während man in Hamburg auf ein reines Closed-Loop-System mit dem VDV eTicket setzt.

Während es heute wohl kaum noch zu vermitteln wäre, wenn ein Verkehrsbetrieb eine große Anzahl Dieselbusse mit der Euro4-Norm anschaffen würde, so scheint es niemanden zu stören, wenn hierzulande noch Millionen in Vertriebstechnik aus den späten 1990ern und frühen Nullerjahren investiert wird.

So werden wir in Zukunft sicherlich noch den einen oder anderen Betrieb in Deutschland erleben, der Millionen in Technik investiert, die in modernen Ländern längst im Verkehrshistorischen Museum anzutreffen ist.

Update 1: Sicherheit

Im oben verlinkten Film wird darauf hingewiesen, dass das Kontrollpersonal keinen Zugriff auf die Zahlungsdaten erhält. Aus der verwendeten Karte und den erworbenen Fahrscheinen wird ein Token generiert das über eine Online-Anbindung des Terminals verschlüsselt beim Anbieter gespeichert wird. Bei der Fahrkartenkontrolle wird die Gültigkeit geprüft, ohne dass die Mitarbeiter Zugriff auf weitere Daten des Nutzers haben.

Weiterführende Informationen auf Polnisch

Update 2: Vertrauen

Ich wurde darauf angesprochen, dass das Fehlen eines Ausdrucks nicht gerade Vertrauen erweckt. Woher solle der Nutzer wissen, wann seine Fahrkarte abläuft oder welches Ticket gelöst wurde. Wie oben gesagt, lässt sich die Gültigkeit jederzeit prüfen. Sollte der Kartenherausgeber Push-Mitteilungen bei Karteneinsatz versenden, so erhält man auch binnen kürzester Zeit einen weiteren Beleg.

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