21. Oktober 2020

Meinung: Sparkassen „soon“ mit Apple Pay für girocard. Was heißt das?

Nun ist also bald soweit: Des Deutschen liebste Karte wandert in die Wallet von iPhone und Apple Watch. Mit stolz geschwellter Brust verkünden die roten Institute landauf, landab den bevorstehenden Launch. Nicht ohne Grund, denn schließlich plant man das erfolgreiche Brot- und Butterprodukt (ca. 40 Millionen Karten) mit dem laut eigenen Aussagen ebenfalls erfolgreichen Apple Launch für VISA und Mastercard im Dezember 2019 zu weiterem – oder sagen wir lieber neuem – Glanz zu verhelfen.

Zweifler behalten Unrecht

Dass es wirklich soweit kommen würde, wurde von vielen in den sozialen Medien heftig bezweifelt. Immer wieder wurde vermutet, dass es sich dabei lediglich um die Digitalisierung der Co-Badges Maestro resp. V Pay handeln würde. Manche wiederum brachten gleich die Debit Mastercard ins Spiel, die die FI ja für einige Institute zum Ende diesen Jahres angekündigt hatte.

Apple Pay Chefin Jennifer Bailey hatte bereits vor dem Start von Apple Pay in 2018 bekräftigt, dass es die Pläne gebe auch die girocard zu implementieren, aber noch gewisse Vorarbeiten auf Seiten der Herausgeber („Konsortium“) notwendig seien.

Auf Seiten der Privat- und Direktbanken wie Deutsche Bank, Commerzbank, DKB und ING hat man bislang jedoch keinerlei Anstalten gezeigt, die im Portfolio enthaltene girocard zu tokenisieren. Dort, wo nicht eh eine Karte von VISA oder Mastercard zur Grundausstattung gehören, hat man sich für eine virtuelle Variante einer internationalen Debitkarte entschieden. Neobanken wie bspw. N26 haben eh keine girocard im Angebot.

Blick rüber zu den Genossen

Nachdem die Genossen ihren eigentlich für Dezember 2019 geplanten Launch von Apple Pay kurzfristig absagen mussten und diesen dann Ende April 2020 nachgeholt haben, war die Verwunderung groß dass man neben den bekannten Kreditkarten eine virtuelle Debit Mastercard im „instant issueing“-Verfahren anbieten werde, die Apple Pay auch denjenigen Kundinnen und Kunden bringen wird, die über keine Kreditkarte verfügen.

Auf Nachfrage erklärte die Pressestelle des BVR, dass es auch keinerlei Ambitionen gäbe, dies zu ändern. Die Kunden mögen entweder die Debit Mastercard nutzen oder sich ein Android-Smartphone kaufen. Ernsthaft?

Bei der Debit Mastercard der VR-Banken handelt es sich in der aktuellen Implementierung im Übrigen nicht etwa um eine Karte, die direkt an das Girokonto gekoppelt ist, sondern um eine „Deferred Debit“-Variante, die über ein Schattenkonto mit einem monatlichen Verfügungsrahmen von lediglich 500€ (!) die Umsätze zeitnah einzieht. Diese Karte wird darüberhinaus der Schufa gemeldet. Für mehr als den Coffee-to-Go und gelegentliche kleinere Einkäufe reicht das jedenfalls nicht!

Besonders traurig in dem Zusammenhang ist der Fakt, dass nicht einmal alle an Apple Pay teilnehmenden Volks- und Raiffeisenbanken ihren Kundinnen und Kunden diese kostenlose Debit Mastercard anbieten!

Mehr noch als die Sparkassen, sind es doch gerade die genossenschaftlichen Kreditinstitute die immer wieder die Wichtigkeit der girocard betonen und deren hauseigener Netzbetreiber noch stets Pakete mit ausschließlicher girocard-Akzeptanz in den Markt drückt.

Was dahinter steckt, kann man nur mutmaßen? Ist die Fiducia-GAD technisch nicht dazu in der Lage, ein solches Projekt zu stemmen? Hat man sich aus finanziellen Gründen dagegen entschieden oder nimmt man Mobile Payment im Allgemeinen und Apple Pay im Besonderen immer noch nicht ernst?

Dass man sich von seinem Hauptmitbewerber ein zweites Mal binnen weniger Monate so am Nasenring durch die Manege führen lässt, ist schon bemerkenswert.

Zeit gewinnen!

Der Scoop der Sparkassen ist für die vielen Millionen von Kundinnen und Kunden, die keine Kreditkarte der Sparkasse besitzen natürlich eine tolle Sache. Im Alltag sparen sie sich so bspw. Umwege über die Karten von Drittanbietern oder können erstmals Apple Pay nutzen.

Damit verschaffen sich die Sparkassen vor Allem aber eines: Zeit!

Denn sind wir mal ehrlich: Wer heute einigermaßen digital lebt, viel reist und für den das Smartphone zur Schaltzentrale geworden ist, der kommt an einer Karte von Mastercard oder VISA nicht mehr vorbei. Bislang haben sich die meisten Sparkassen diese Leistung gut bezahlen lassen. Kunden, die dies nicht wollten, konnten sich einer ganzen Reihe von kostenlosen Alternativen am Markt bedienen.

Dass sowohl Mastercard als auch VISA ihre beiden angestaubten Co-Badges Maestro und V Pay lieber heute als morgen begraben würden, ist kein Geheimnis. In vielen Ländern werden diese längst nicht mehr vermarktet und auch im deutschsprachigen Raum laufen die ersten Ablösungsprojekte.

Wenn die FI daher auf die Debit Mastercard als zukünftiges Co-Badge für die roten Sparkassenkarten setzt, ist das nachvollziehbar. Es dürfte auch nur eine Frage der Zeit sein, bis eine ähnliche Kooperation für die VISA Debit verkündet wird. Schließlich gibt es auch eine Reihe von Sparkassen, die auf VISA und V-Pay setzen.

Mit einer Debit Mastercard huckepack zur girocard und der Möglichkeit, mit beiden Karten mobil zu bezahlen und das Co-Badge im Ausland oder im eCommerce nutzen zu können, fällt für viele Kundinnen und Kunden die Notwendigkeit nach Drittanbieterprodukten weg und ein nicht kleiner Teil der verloren gegangenen Erlöse aus dem Interchange dürften zurück in die eigenen Kassen wandern. Auch fällt für viele der Reiz an der Eröffnung eines Zweitkontos bspw. bei der DKB oder N26 weg, welches langfristig natürlich die gesamte Geschäftsbeziehung bedroht.

Ein smarter Move also!

Die Zukunft der girocard? Ungewiss!

Was bedeutet das aber für das System girocard als Ganzes? Darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Bei einem Marktanteil von >95% und einer innigen Liebe der Nutzenden zum Produkt scheint es für den Abgesang viel zu früh. Die Älteren unter uns erinnern sich aber vielleicht noch an NOKIA und die legendären Tastatur-Smartphones von BlackBerry. Das ging alles plötzlich ganz schnell!

Um die Problematik besser verstehen zu können, schauen wir uns die wesentlichen Bankengruppen mal getrennt an:

Die großen Filialbanken wie Commerzbank, Deutsche Bank und HypoVereinsbank bieten die girocard seit Ewigkeiten als Standard-Kontokarte an, da es die Kundschaft im Heimatmarkt erwartet. Das Gleiche tut die Deutsche Bank im Übrigen auch in Portugal, wo man ohne „MultiBanco“-Karte sicherlich keinen Blumentopf gewinnen könnte. Keine der genannten Banken verspürte aber große Lust, in eine Digitalisierung der girocard zu investieren.

Commerzbank und Deutsche Bank haben darüber hinaus erst einmal auf lange Zeit andere Baustellen am Hals. So müssen Commerzbank und Comdirect zusammenwachsen und was die Deutsche mit ihren Töchtern Postbank und Norisbank anstellen wird, ist auch noch nicht so ganz klar. Postbank und Targobank haben sich in Sachen Mobile Payment eh für einen Platz an der Seitenlinie entschieden.

Bei den Direktbanken sind die Kunden seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, an die Nutzung ihrer VISA-Karte gewöhnt worden. So hat es auch niemanden verwundert, als die DKB letztens ein Mailing an ausgewählte Kunden verschickt hat, in dem zum „Zuhauselassen der girocard“ geraten wurde.

Es bleiben also VR-Banken und die Sparkassen als potentielle Treiber bei der Weiterentwicklung übrig. Die VR-Banken zeigen aber gerade am Beispiel Apple Pay, dass sie dazu entweder nicht willig oder nicht fähig sind.

Die Sparkassen hingegen haben sich in den letzten Monaten entsprechend gut aufgestellt und scheinen in der Lage, den sich abzeichnenden Veränderungen im Bezahlmarkt in Ruhe stellen zu können.

Alte und neue Abhängigkeiten

Nun versetze man sich mal für einen kurzen Moment in die Köpfe der Payment-Verantwortlichen bei den privaten Banken. Wenn, so wie es scheint, die Sparkassen aktuell die Einzigen sind, die eine Weiterentwicklung des Produktes nicht nur auf Powerpoint-Folien, sondern marktreif in vertretbarer Zeit hinbekommen können, dürfte deren Einfluss in Zukunft deutlich zunehmen.

Im Hinblick auf die immer wieder geforderten europäischen Initiativen, die nationalen On- und Offlinezahlungssysteme zu einem supranationalen Player zusammenzuführen, dürfte es da vielen Leuten ziemlich mulmig werden.

Der finanziell und personell gut aufgestellte Hauptwettbewerber im Heimatmarkt gibt den Takt vor und die anderen hecheln im besten Fall hinterher und dürfen Geld dazu schießen? Klingt nicht gerade sehr verlockend.

Die Partnerschaften mit VISA und Mastercard bestehen ja eh und würden auch im Falle eines zu 100% erfolgreichen Launch eines europäischen Systems nicht zur Disposition stehen. Beide Unternehmen entwickeln ihre Produkte seit Ewigkeiten ausgerichtet an den Bedürfnissen des Marktes und nicht irgendwelcher Gremien weiter.

Mit Debit Mastercard und VISA Debit stehen den Banken Produkte zur Verfügung, die sich auf der Höhe der Zeit befinden. Mit fortschreitender Zeit werden wir sicherlich immer weniger Händler sehen, die lediglich die girocard akzeptieren. Damit fiele früher oder später auch das ungeschriebene Gesetz weg, dass man als Bank in Deutschland eine girocard herausgeben muss.

Wollen die Sparkassen das wirklich? Sicherlich nicht. Aber wenn es so kommen sollte, dürften sie Stand heute ganz offiziell einige Tränen der Betroffenheit und Trauer kullern lassen und morgen zur Tagesordnung übergehen.

Marc-Oliver Schaake

Lotus / IBM / HCL Notes Professional Mag Reisen mit dem Zug, insbesondere mit Nachtzügen Kartenzahler seit 1987

Alle Beiträge ansehen von Marc-Oliver Schaake →
%d Bloggern gefällt das: