VRS testet neuen eTarif – Ein erstes Fazit

Im letzten Jahr hatte der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr, unter Federführung der Bogestra, bereits einen Feldversuch mit einem entfernungsabhängigen Tarif gestartet. Das sog. nextTicket funktionierte auf Basis einer Smartphone-App, die Ein- und Ausstieg erfasste.

Ein ähnliches System testet nun der Verkehrsverbund Rhein-Sieg unter Federführung der Kölner Verkehrsbetriebe. Ich habe mich für Euch als Tester angemeldet und konnte heute die ersten Erfahrungen sammeln. Der Pilotbetrieb läuft noch bis zum 6.9.2019.

Die Smartphone-App

Zunächst einmal lädt man sich die App „Fairtiq“ des gleichnamigen Schweizer Unternehmens aus dem AppStore bzw. Google Play Store. Die Aktivierung erfolgt über einen nach der Registrierung erhaltenen Code. Bevor es losgehen kann, muss man noch ein paar persönliche Daten wie Name, Geburtsdatum, Mobilfunkrufnummer und E-Mail Adresse angeben. Zur Abrechnung der gefahrenen Strecken muss man die Daten einer gültigen Mastercard oder VISA-Karte hinterlegen.

Damit die Ermittlung der Fahrstrecke funktioniert, muss die App während der Fahrt dauerhaft Zugriff auf die Ortungsfunktion des Telefons haben. Der Hersteller gibt hierfür einen Stromverbrauch von ungefähr 3% der Akkuleistung pro Stunde an, was grundsätzlich OK wäre.

Die App schlägt dem User die nächst liegende Haltestelle bereits vor. Natürlich kann man diese auch noch ändern, wenn die Ortung mal daneben lag. Zum Start wird der Schieber von links nach rechts gezogen und das wars.

Bewegt man sich nicht innerhalb der nächsten fünf Minuten, so erhält man eine Push-Nachricht mit der Frage, ob man die Fahrt abbrechen möchte. Gerade auf der Apple Watch sollte man genau hinschauen, wo man klickt. Ansonsten wird man schnell unfreiwillig zum Schwarzfahrer.

Am Ziel angekommen, schiebt man nun den Schieber von rechts nach links und checkt so aus. Hierbei musste ich leider feststellen, dass die Ortung in den unterirdischen Stationen trotz Mobilfunkempfang mehrfach nicht funktionierte. Erst nach erreichen der Oberfläche – und somit der Wiederherstellung des GPS-Empfangs – wurde die Ausstiegshaltestelle richtig erkannt.

 

Der Nutzer hat nun noch die Möglichkeit, die erkannte Strecke zu bestätigen und ggf. Änderungen vorzunehmen.

Gegen die App an sich kann man nichts Negatives sagen. Sie ist bewußt simpel gehalten und tut, was sie soll.

Der eTarif

Das Besondere ist natürlich die neue Art der Tarifierung über die gefahrene Strecke, anstelle einer Unterteilung des Verbundgebiets in Waben und Zonen. Hierbei wird die Entfernung in Luftlinie zur Berechnung herangezogen.

Bei meinen üblichen Strecken lag der Tarif auch unter dem Preis des üblichen Handytickets für eine Stadtfahrt (2,70€ in Köln).

Der Startpreis von 1,50€ (+0,15€/km) sorgt aber dafür, dass Kurzstrecken mit einem gewöhnlichen Handyticket (1,80€) u.U. leicht günstiger sein können.

Der eTarif ist während des Tests im gesamten Verbundgebiet gültig. Darüber hinaus gilt ein täglicher Höchstpreis von 15€. Das liegt zwar deutlich über dem Preis einer 24h für das Kölner Stadtgebiet (7,92€), die inzwischen nicht mehr auf den Kalendertag begrenzt ist, aber schon günstiger als selbige Karte für die Preisstufe 4 (17,19€).

Schwarzfahrfallen

Mit der Nutzung eines Handytickets geht der Nutzer auch immer ein gewisses Risiko ein. Während bei einem klassischen Ticket auf Papier oder einer RFID basierten Monatskarte lediglich der Verlust während der Fahrt häufiger auftreten dürfte, sieht das bei Handytickets schon ganz anders aus.

Der Nutzer läuft selbst bei den klassischen Handyticket-Verfahren schon häufig Gefahr zum unfreiwilligen Schwarzfahrer zu werden. Neben dem leeren Akku kam es in der Vergangenheit bei Handy Ticket-Deutschland nicht selten vor, dass die App wegen Verbindungsproblemen nicht startete und selbst die Anzeige eigentlich lokal im Cache gespeicherter Tickets verweigerte.

Wenn jetzt nicht gleich das ganze System versagt, sondern nur das eigene Telefon, hätte man beim normalen Handyticket zwar theoretisch die Möglichkeit, sich über das Smartphone eines Mitreisenden einzuloggen und das Ticket zu präsentieren, aber sind wir doch mal ehrlich: Wenn der Prüfdienst vor einem steht, wer kommt dann noch auf diese Idee und hat dann auch noch die Anmeldedaten parat? Dass man als Nutzer hier der Kulanz des Prüfdienstes und der Betriebe völlig ausgeliefert ist, dürfte viele Nutzer eher abschrecken.

Laut KVB-Webseite erfolgt nach fünfzehn Minuten der Nichterreichbarkeit des Smartphones eine Zwangsabmeldung. Also sollte der Nutzer stets ein Auge auf die App haben und somit noch mehr Strom verbrauchen.

Ungemach lauert aber auch an anderer Stelle. Wie mir der VRS auf Nachfrage bestätigte, gibt es einige tarifliche Spitzfindigkeiten, die so nicht sauber kommuniziert wurden. Die Stadt Monheim am Rhein bspw. befindet sich sowohl im VRS als auch im VRR.

Bei städteübergreifenden Fahrten kommt der jeweilige Tarif des Zielorts zur Geltung, bzw. der des Ortes der Abfahrt. Für Fahrten von Köln nach Monheim und umgekehrt, kann der VRS eTarif angewandt werden.

Da aber im reinen Binnenverkehr in Monheim stets der Tarif des VRR zur Anwendung gelangt, würde bei einer innerstädtischen Fahrt beim Auschecken u.U. keine gültige Fahrt erkannt. Aber selbst wenn die App einen Preis ermitteln würde, würde man rechtlich gesehen ohne Fahrschein unterwegs gewesen sein. Hurra!

Fazit

Ein entfernungsbasierter Tarif ist grundsätzlich begrüßenswert. Die bisherigen, teilweise extremen, Preissprünge an der Stadtgrenze sind dem Nutzer nur schwer vermittelbar. Insbesondere dann nicht, wenn ein eigenes Auto zur Verfügung steht und die Kosten verglichen werden.

Die Realisierung über eine App sollte m.E. maximal der Erprobung des Tarifs dienen und so nicht in den Regelbetrieb übergehen. Anstelle dessen sollte der Check-In und Check-Out ähnlich wie in den Niederlanden mit NFC-Lersern im Fahrzeug erfolgen. Dazu sollten neben bundesweit gültigen Wertkarten auf jeden Fall übliche Bank- und Kreditkarten zum Einsatz kommen. Ebenfalls sollte ein tägliches und wöchentliches Tarifcap implementiert werden. Dieses sollte aber kein fixer Preis sein, sondern die durchfahrenen Tarifgebiete berücksichtigen.

Während die klassischen Handyticket-Systeme dem Nutzer ein überschaubares Zusatzrisiko zumuten, was zumindest im VRS mit 10% Rabatt versüsst wird, ist dies bei der dauerhaften GPS basierten Ortung und ständiger IP-Kommunikation mit dem Backend leider ungleich höher.

Mir ist durchaus bewusst, dass der VRS nicht der einzige deutsche Verbund ist, der mit solchen Systemen experimentiert. Um so mehr frage ich mich, was in den Köpfen der Entscheider vorgehen muss. Sind es nur die Kosten der Hardware, die man gerne zu einem großen Teil auf die Nutzer abwälzen möchte? Ist es Technikverliebtheit oder gar die Überzeugung, dass man nur mit einer fancy App richtig hip sein kann?

Ich denke, alle Beteiligten täten gut daran, die Fortentwicklung der Tarife nicht an Smartphone-Apps zu koppeln.