Barrierefreiheit im ÖPNV: Mehr als nur Rollstuhlrampen

Die Betreiber öffentlicher Verkehrsmittel sind verpflichtet, bis spätestens 2022 ihre Angebote barrierefrei auszustatten. Eine große Aufgabe, bei denen die meisten von uns an Aufzüge, Rollstuhlrampen, Niederflurfahrzeuge und Hilfen für sehbehinderte Menschen denken.

Viele Betriebe bzw. Aufgabenträger wissen heute kaum, wie sie die Kosten für bauliche Maßnahmen und die Erneuerung der Fahrzeugflotte aufbringen sollen. Dennoch führt an diesen Maßnahmen kein Weg vorbei, wenn man nicht Teile der potentieller Nutzer ausschließen möchte. Im Zuge der immer älter werdenden Nutzer sind sämtliche Erleichterungen ein Fortschritt für alle.

Darüber hinaus sollte man aber auf keinen Fall vergessen, dass neben den physischen Zugangshürden aber noch ein anderes Problem besteht, dass viele potentielle Nutzer der Öffis abschreckt: Ticketing und Payment.

Wenn je nach Region oder Vertriebsweg Einzelfahrscheine entweder entwertet aus dem Automaten kommen, man nach Einstieg im Fahrzeug oder sogar vor Betreten des Fahrzeugs an der Haltestelle das Ticket stempeln muss, dann sind das Fallen, die gerne mal mit 60 EUR geahndet werden.

Kurzstreckenregelungen, die mal einen Umstieg zulassen, diesen teilweise aber zwischen SPNV und ÖPNV ausschließen oder sogar ganz verbieten, sorgen zusätzlich für Verwirrung.

Neben den tariflichen Spitzfindigkeiten fangen die Probleme aber schon beim Ticketkauf an. Im Jahre 2017 sollte man eigentlich davon ausgehen, dass ein Fahrscheinbezug mit gängigen Karten bargeldlos möglich sei.

Leider weit gefehlt: In der zweitgrößten Stadt des Landes und Touristenhochburg Hamburg setzt die Hochbahn auf die GeldKarte. Dieses Verfahren wurde vom Nutzer nie richtig angenommen. Viele Geldinstitute, u.a. die komplette genossenschaftliche Bankengruppe, geben daher auf neuen Karten diese Funktion gar nicht mehr aus. Damit verhindert man nicht nur die Nutzung durch ausländische Touristen komplett, sondern setzt auf eine Lösung die nicht einmal dem im Inland lebenden Nutzer gerecht wird.

In Berlin akzeptiert die BVG neben der deutschen girocard immerhin Maestro. Damit dürfte man alle deutschen Bankkunden erreichen, zusätzlich Niederländer, Österreicher, Belgier und teilweise Besucher aus der Schweiz. Aber bereits bei Luxemburgern (V-Pay Land) oder Besuchern aus dem Nachbarland Polen (Banken geben nur MasterCard und VISA als Debitkarten heraus) versagen die Automaten und zwingt die Nutzer zur Bezahlung mit Bargeld.

In vielen weiteren Städten wie bspw. Ulm wird zwar die girocard akzeptiert, aber nur bei einem Mindestkauf von 10€, einer Summe die im ÖPNV der Stadt nicht einmal beim Kauf einer Tageskarte erreicht wird.

Mit gutem Beispiel voran gehen bspw. München, Frankfurt, Nürnberg (sogar Amex wird hier akzeptiert) und demnächst Köln. Dort ist, bzw. wird dann der Ticketkauf problemlos auch mit MasterCard und VISA möglich sein.

Das sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Leider scheint bei vielen Betrieben keinerlei Kompetenz in Sachen Payment vorhanden zu sein. Das fängt schon bei Kenntnissen über die Kosten der einzelnen Bezahlverfahren an.

Versuche, mit den Betrieben in eine Diskussion einzusteigen, enden meistens mit Allgemeinplätzen und der Wiedergabe der typischen Urban Legends.

Gerne wird auch auf das Angebot von Handy-Tickets hingewiesen. Leider berücksichtigen die Verkehrsbetriebe weder, dass die Vertriebsprovision wesentlich höher ist, als es die Kosten für eine Kartenzahlung sind, noch dass die Handyticket-Apps nichts für Gelegenheitsnutzer sind.

Einige dieser Systeme funktionieren ausschließlich mit deutschen Mobilfunknummern und rechnen über den Mobilfunkanbieter ab (was nicht jeder Anbieter unterstützt). Und sind wir doch mal ehrlich:

Wenn nahezu jeder Verbund oder jeder größere Betrieb über eine eigene Lösung verfügt, wer möchte sich da für eine einzelne Tageskarte jeweils registrieren und seine Daten hinterlassen? Richtig: Niemand – außer einer Handvoll Freaks.

Ansonsten basteln fast alle Verbünde an Lösungen auf Basis des VDV eTicket-Systems herum. Natürlich jeder einzeln. Unsere niederländischen Nachbarn hingegen haben landesweit eine einheitliche Chipkarte, die mit Guthaben aufgeladen werden kann und in jedem Bus bis hin zum ICE nutzbar ist.

In Deutschland erfinden aber alle das Rad wieder neu. Anscheinend scheint die Finanznot bei den Verkehrsbetrieben immer noch nicht so groß zu sein, als dass man gemeinsam auf international erprobte Verfahren setzen würde. In sofern sind die Krokodilstränen der ÖPNV-Lobbyisten auch mit Vorsicht zu genießen.

Wer aber mögliche Nutzer mit komplizierten Tarifen und unnötigen Schwierigkeiten beim Ticketkauf zusätzlich zu den nicht immer guten Verkehrsangeboten belastet, der braucht sich über einen miesen Modal-Split nicht wundern. Andererseits befinden sich die ÖPNV-Systeme in vielen Großstädten am Rande ihrer Kapazität. Vielleicht will man ja auch so verhindern, dass die Systeme komplett kollabieren.

Mein Wunsch an die ÖPNV-Funktionäre: Wenn ihr Euch trefft, redet nicht nur über Optimierungsmöglichkeiten bei der Fahrzeuginstandhaltung. Beschäftigt Euch endlich seriös mit Ticketing und Payment!

Nutzt eure, zumeist vom Steuerzahler bezahlten, Ausflüge in europäische Metropolen wie London nicht nur zum privaten Shopping, sondern schaut euch die dort vorhandenen Systeme genau an. Dann fragt Euch bitte, ob ihr bei den üblichen Laufzeiten einer Ausschreibung im Jahr 2021 ein Bezahlsystem bereitstellen wollt, welches den technologischen Stand der späten 1990er besitzt oder ob es nicht etwas moderner sein darf.

Danke!

2 Gedanken zu “Barrierefreiheit im ÖPNV: Mehr als nur Rollstuhlrampen

  1. Der demografische Wandel ist auch noch zu berücksichtigen. Das heißt auch, dass 50 Jahre alte Technik heutige und morgige Bedürfnisse nicht mehr ausreichend abdeckt.

    Zum Beispiel wenn unklimatisierte Berliner S- und U-Bahnen an Sommertagen 40°C Innentemperatur haben. Das würde man in Schweinetransportern nicht hinnehmen. Und gerade für ältere oder kranke Menschen sind solche Zustände eine erhebliche Belastung.

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