21. Oktober 2020

Rauswurf für O2-Banking Kunden: Fidor-Kooperation endet zum 30.06.2020

Stellt Euch vor, ihr nutzt ein Bankkonto und erhaltet folgende Nachricht: „Hiermit möchten wir Sie darüber informieren, dass wir zum 30.06.2020  unseren Dienst einstellen. So ganz aufgeben wollen wir das mit den Konten allerdings nicht und nennen ihnen zum 31.05.2020 unseren neuen Partner. Einen automatischen Übergang wird es nicht geben.“. Könnt ihr Euch nicht vorstellen? Das dachten bis vor einigen Tagen wohl auch die rund 40.000 Kunden von O2-Banking, einem Angebot des Mobilfunkbetreibers in Zusammenarbeit mit der Fidor Bank.

Wer folgt auf Fidor?

Dem Vernehmen nach soll das neue Angebot eine kostenlose girocard und eine VISA-Kreditkarte umfassen, wobei die VISA-Karte Apple Pay und Google Pay unterstützen soll.

Damit ist der Kreis der möglichen Partner in Deutschland recht eingeschränkt. In Frage kämen bspw. die LBBW, die DKB und die comdirect. Lassen wir uns überraschen.

Wieso mit dem Holzhammer?

Fidor war einst ein Vorreiter in Deutschland. Angebote wie die Smartcard, einer kombinierten Mastercard und Maestro, waren gerade zu Beginn der Kontaktlosakzeptanz in Deutschland sehr beliebt. In Sachen Mobile Payment setzte man mit einer eigenen, ziemlich rustikal umgesetzten, Lösung für Android aufs falsche Pferd, während man den iOS-Nutzern Apple Pay angeboten hat.

Die Möglichkeit der kostenlosen Ein- und Auszahlungen in Zusammenarbeit mit Barzahlen genau wie der Geld-Notruf (kurzlaufende Mikrokredite) dürften einiges an Kundschaft angelockt haben, mit der man bei den o.g. „alteingesessenen“ möglichen neuen Partnern eher wenig anfangen kann.

Wie viele von den 40.000 kolportierten Kontoverbindungen darüber hinaus überhaupt noch aktiv genutzt werden, sollte man sich natürlich auch fragen. Andere Neo-Banken haben in Sachen Funktionsvielfalt Fidor längst überholt. In Zeiten von kostenlosen Wegwerfkonten, die schnell eröffnet sind und gerne mal ausschließlich für die kostenlose Nutzung von teuren Bargeld-Dienstleistungen genutzt werden, würde ich wenig auf die reine Zahl der Konten geben.

Mit der nun gewählten Vorgehensweise schlagen O2 und der neue Bankpartner direkt mehrere Fliegen mit einer Klappe:

  • Bereinigung von Karteileichen, für die sich ein neues Onboarding nicht lohnt
  • Erneute Identitätsfeststellung (Geldwäscheprävention, ein Thema was alle Fintechbanken irgendwie verfolgt)
  • Im Rahmen der Kontoneueröffnung kann eine erneute Bonitätsprüfung stattfinden mit der man sich sowohl schlechte Bonitäten als auch Leute mit 30 Konten vom Hals halten kann

Was sollten betroffene Kunden jetzt tun?

Diejenigen, die warum auch immer (lästerhafte Anmerkung des Autors bitte ignorieren) O2-Banking als Hauptkonto genutzt haben, sollten sich schnellstmöglich nach einem anderen Anbieter umsehen. Die extrem kurz gewählte Frist zwischen Einstellung des alten Angebotes und Bekanntgabe des neuen Partners dürfte knapp für die Neubeantragung und das Ausstellen von Banking-Zugangsdaten, Karten und PIN reichen, dabei darf aber nichts schiefgehen (Ablehnung der Kontoverbindung, Versandprobleme etc.) und es wollen schließlich auch noch alle möglichen Lastschriftmandate umgezogen werden.

Wer ein kostenloses Girokonto sucht, ist meiner Meinung nach mit der DKB gut beraten. Auch ohne den Aktivkundenstatus, den es ab dem 13. Monat mit einem monatlichen Geldeingang von mindestens 700€ gibt, hat man als Normalnutzer ein äußerst solides Konto zur Verfügung.

Die anderen Kundinnen und Kunden werden eh inzwischen ein anderes ihrer 30 Wegwerfkonten reaktiviert haben 😉

Mehr Infos zum „neuen“ O2-Banking findest Du hier.

Fazit

Auch wenn ich die möglichen Beweggründe verstehe, so bedenklich finde ich die kurze Übergangsfrist die den betroffenen Kundinnen und Kunden gewährt wird.

Inzwischen ist der Markt für Online- und Mobile-Konten übersät mit unzähligen Angeboten von Fintechs, die größtenteils die gleiche Hausmannskost mit jeweils wenigen eigenen Akzenten bieten. Die meisten dieser Unternehmen kämpfen schwer damit, ihren Kundenstamm zu monetarisieren, wobei ein kontinuierliches Feuerwerk an Feature-Innovationen bei den Meisten längst irgendwelchen überteuerten Bling-Bling-Metalkarten weichen musste.

Da stelle ich mir natürlich schon die Frage, ob speziell konzipierte (und kalkulierte) Co-Branding Konten heute noch zeitgemäß sind, wenn weder sichergestellt ist, dass diese automatisch von möglichen Innovationen des zum Einsatz kommenden Bankpartners profitieren, noch die Bank die Möglichkeit besitzt, ohne aufwendige Abstimmungen mit dem Kooperationspartner, grundlegende Konditionen den veränderten Marktgegebenheiten anzupassen.

Marc-Oliver Schaake

Lotus / IBM / HCL Notes Professional Mag Reisen mit dem Zug, insbesondere mit Nachtzügen Kartenzahler seit 1987

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