Sollte man Revolut sein Geld anvertrauen?

Das britische Fintech Unicorn Revolut macht seit einigen Jahren in der Szene von sich reden: Kostenfreie Fremdwährungskonten, Währungsumtausch ohne Aufschlag (Montag-Freitag), kostenlose Karten (VISA, Mastercard und Maestro), die dazu noch Apple Pay und Google Pay unterstützen und bis zu 200€ gebührenfreier Geldautomatennutzung. Darüber hinaus lassen sich auch ausgesuchte (Teil-)Aktien sowie Kryptowährungen handeln. Wer mehr als die inkludierte Leistung möchte, hat noch die Auswahl zwischen zwei kostenpflichtigen Tarifen.

Ich habe dort seit 2017 ein Konto und auch schon einige Artikel dazu verfasst. Mit den gebotenen Möglichkeiten bin ich sehr glücklich und Revolut stellt für mich eine Art Hub dar, über den ich Währungen (meistens PLN oder GBP) tausche um bspw. Hotelbuchungen ohne Aufschlag durchführen zu können oder meine Ausgaben auf Dienstreisen bzw. Urlaub tätige. Besonders praktisch finde ich die Apple Pay fähige Maestro, die gerade in den Niederlanden oft die einzige Möglichkeit der kontaktlosen Zahlung darstellt.

Fanboys und Fangirls

Selbst mit dem kostenlosen Kontomodell kann man an Revolut schon viel Freude haben. So verwundert es denn auch nicht, dass nicht wenige Kundinnen und Kunden dem Werbeclaim („You will no longer need your ‚Old Bank'“) gefolgt sind und Revolut zu ihrer Hauptbankverbindung (vulgo: „Gehaltskonto“) gemacht haben, obwohl man während der überdurchschnittlich häufigen Wartungsfenster oder störungsbedingten Downtimes daran erinnert wird, doch bitte eine Karte einer anderen Bank bereitzuhalten. Da ein Großteil des Wettbewerbs sich des gleichen technischen Dienstleisters bedient, sollte dies auf jeden Fall eine Karte einer „Old Bank“ sein, da man ansonsten ebenso illiquide sein dürfte.

Wie man es von Fans nicht anders erwarten kann, erträgt es Mensch dann auch ohne größeren Widerspruch wenn der monatliche Dauerauftrag für die Miete mal vergessen wurde zu buchen oder die Karte im Supermarkt einen Aussetzer hat. Eine derartige Toleranz haben die gleichen Personen ihren „alten“ Banken übrigens meistens nicht entgegengebracht. Jede AGB-Anpassung und jedes kleine Problem wurde zu einem Weltuntergang hochstilisiert.

Diese Fans nehmen in der öffentlichen Wahrnehmung, sprich in den diversen Facebook-Gruppen, einen großen Raum ein. Kritik an Revolut wird dort nicht all zu selten mit Blasphemie gleichgesetzt.

Berichte über Kontosperrungen

Vor geraumer Zeit tauchen erstmals Berichte über mehr oder minder willkürliche Kontosperrungen auf. Auch einen Kollegen von mir hat es während einer Auslandsreise getroffen. Die Sperrungen verliefen mehr oder minder alle nach dem gleichen Muster: Revolut sperrt alle Dienste und fordert zusätzliche Unterlagen, in der Regel Nachweise über die Mittelherkunft, ein. Die Sperrungen dauerten in der Regel ein bis zwei Tage. Für jemanden, der sein Leben bargeldlos gestaltet und Revolut als einziges Bankkonto hat, dennoch eine mittlere Katastrophe.

Ein Teil der Berichte klang ziemlich unglaubwürdig, ein anderer wiederum nicht. Parallel haben Aufsichtsbehörden unter Anderem in Polen, wo viele Revolut-Kunden ansässig sind, und dem Heimatmarkt UK entsprechende Untersuchungen angestrengt.

Dennoch scheint sich das Problem inzwischen verschärft zu haben. Aus wenigen Tagen sollen inzwischen sogar mehrere Wochen oder gar Monate geworden sein, in denen Betroffene nicht an ihr Geld gelangen und der Support gänzlich abtaucht. Einige davon machen ihrem Unmut im Internet Luft und produzieren sogar Videos in epischer Länge. In dem besagten Beitrag geht es um rund einbehaltene 320.000€ eines Traders.

Wie geht die Fanbase damit um?

Inzwischen haben die Kontosperrungen auch einige ehemalige Fans erwischt. Dennoch ist die Reaktion im Netz meist die Gleiche. Auf einen Forumsbeitrag kommt sogleich die Frage: „Wie hast Du Revolut genutzt?“. Ich bin mir dabei nie ganz sicher, ob das lediglich Neugier ist um nicht selbst in eine potentielle Falle zu tappen oder nicht doch klassisches Victim-Blaming. Schließlich soll ein Teil der Probleme auch auf Manufactured Spending (Aufladen von Revolut mit einer Kreditkarte um Meilen zu sammeln) oder Zirkelüberweisungen zum Begleichen von Kreditkartenverbindlichkeiten zurückzuführen sein.

Auf das Abtauchen des Supports in der Frage wird meistens damit geantwortet, dass man mit dem kostenpflichtigen Metal-Preisplan „nie Probleme hatte“. Das ist ja schön, hilft den Betroffenen aber nur wenig.

Wer wirklich Hilfe sucht, ist m.E. in einem Fan-Forum an der falschen Adresse.

Was tun wenn es einen erwischt hat?

Das ist leider gar nicht so einfach. Revolut hat seinen Sitz in Großbritannien und es gilt das dortige Recht. Wer Revolut verklagen möchte, muss dies vor einem britischen Gericht tun. Inzwischen gibt es allerdings auch Berichte, dass es Probleme gibt, amtliche Post an den bekannten Adressen zuzustellen. Sinnvoller ist es, sich an die britische Finanzaufsicht FCA zu wenden. Den unterbezahlten Supporter im Chat zu bedrohen und zu beleidigen bringt übrigens rein gar nichts. Im Zweifelsfall wird man nie wieder eine Antwort über diesen Kanal erhalten.

Wer etwas mehr über die Hintergründe erfahren möchte, sollte sich dieses Video anschauen.

Persönlich würde ich nach so einem Vorfall schnellstmöglich die Konten räumen und mir eine andere Bank suchen, zumal die Konten von EU-Bürgern alsbald auf die litauische Revolut-Unit übertragen werden. Ob man in Kaunas ähnlich den Konsumenten im Blick hat, wie dies in Großbritannien der Fall ist, ist zumindest fraglich.

Fazit

Revolut ist toll. Man sollte dem Unternehmen jedoch nur Geld anvertrauen, auf das man auch mal eine Weile verzichten kann. Bei jedem Menschen liegt da die Schmerzschwelle woanders. Die Mehrheit dürfte aber schon Probleme bekommen, wenn es die Mittel für den langersehnten Urlaub trifft und man gerade erst gelandet ist.

Für wen 50€ schon eine Menge Geld sind und im Zweifel darüber entscheiden, ob es am Monatsende noch etwas zu Essen gibt, der sollte um ein solches Konto einen Riesenbogen machen.

Nachtrag:

Ein Teil der Kontensperrungen der letzten Tage ist allerdings auf ein Problem mit der Multibanking-App „Outbank“ zurückzuführen, die zur Zeit Schwierigkeiten bei der Anmeldung an Revolut hat.

Phishing-Attacken und abgelaufene Ausweisdokumente die neu verifiziert werden wollen, sollen laut @frnkbrnhrd ihr Übriges dazu beitragen, dass sich es dort gerade staut.