24. Mai 2022

Betreiber der luca-App sammeln 30 Mio € ein. Wofür eigentlich?

Im Laufe dieser Woche wurde bekannt, dass die Macher der luca-App bei Investoren 30 Millionen EUR einsammeln konnten. Nachdem sich das Thema Kontaktnachverfolgung ja inzwischen aufgrund ausgelaufener Verträge mit den Bundesländern erledigt hat, will man sich ein Stück vom Payment-Kuchen (und eID) sichern.

Da stellt sich natürlich eine ganze Reihe von Fragen, denen ich hier nachgehen möchte.

Die Vorgeschichte

Gezeichnet von den Lockdowns in der Gastronomie und Kulturszene, stellte sich schnell die Frage, in wie weit digitale Lösungen bei der Eindämmung der Pandemie helfen könnten und weitere Schließungen in diesen Branchen überflüssig machen würden. Der Rapper Smudo, als einer der Gesellschafter der Betreiberfirma culture4Life, tingelte durch sämtliche Talkshows des Landes. Am Ende war der öffentliche Druck so groß geworden, dass die Bundesländer gar nicht mehr anders konnten, als mithilfe von luca die bisherige Zettelwirtschaft in der Kontaktnachverfolgung zu ersetzen.

Der Start der App stand unter keinem guten Stern. Recht schnell wurde auf Sicherheitslücken aufmerksam gemacht. Dazu kam Kritik an eher grobschlächtigen Schnittstellen und häufig zweifelhafter Datenqualität aufgrund suboptimaler Einrichtung in den Betrieben vor Ort.

Derartige Probleme verwundern angesichts der Geschwindigkeit der Einführung nicht und hätten schnell und leise im Hintergrund auch mit Hilfe aus der Community gelöst werden können. Leider hat man sich seitens der Betreiber für die ungeschickteste aller Strategien entschieden und Sicherheitsexperten und Kritiker mit einer ziemlichen Überheblichkeit abgekanzelt, was wiederum deren Ehrgeiz noch mehr Leichen im Keller zu finden, nur gesteigert hat.

Nicht gerade die besten Ausgangsvoraussetzungen, um in einem so Datenschutz sensiblem Markt wie Deutschland mit Payment und eID starten zu wollen.

Die Idee

Zu Spitzenzeiten hatten rund 40 Millionen Menschen die luca-App installiert und entsprechende Nutzerkonten registriert. Ein nicht zu unterschätzender Datenschatz, der dabei helfen soll, schnell die kritische Masse an Nutzern für neue Anwendungsbereiche der luca-App zu erreichen.

Jetzt ist es nur so, dass sicherlich nicht ein unerheblicher Teil der Benutzer nach Auslaufen der Pflicht zur Gästeregistrierung, die App von ihren Telefonen geworfen hat. Damit entfällt schon einmal eine sehr naheliegende Kontaktmöglichkeit über Push-Nachrichten. Wie viele der ehemaligen Nutzer vergessen haben, vorher ihren Account zu löschen, und damit die rechtlich einigermaßen sauber per E-Mail erreichbaren Benutzer, ist nicht bekannt.

So hat man sich also einen Kapitalgeber (Target Global) mit Verbindungen nach Russland ins Haus geholt, um die Pläne einer umfassenderen Lösung für die Gastronomie und Eventbranche zu realisieren.

Es gibt kein Bezahlproblem

Als langjähriger Beobachter, der viele Apps und Firmen hat kommen und verbrannte Millionen später, wieder gehen sehen, stelle ich mir als Erstes einmal die Frage, welches Problem luca eigentlich lösen soll.

Kartenbasierte Zahlungen sind in Deutschland in der Gastronomie etabliert. Entsprechende Kartenterminals sind über eine Vielzahl von Anbietern erhältlich. Inzwischen reicht es auch, eine entsprechende App auf einem Android-Telefon zu installieren um Kartenzahlungen entgegenzunehmen. Über 100 Millionen girocards und 40 Millionen Kreditkarten befinden sich in deutschen Portemonnaies. Teilweise digital in einer der Wallet Apps.

Wenn es irgendwo in der Gastronomie beim Bezahlen hapert, dann auf Seiten der Wirte, die die durch Kartenakzeptanz erhöhte Transparenz vor dem Finanzamt fürchten oder mental irgendwo in der Steinzeit stehen geblieben sind. Daran wird aber auch die beste App nichts ändern können.

Möchte man auf der Kostenseite mit bestehenden Bezahlverfahren konkurrieren, so muss man sich schon irgendwie in den Bereich der verhandelten Autorisierungsentgelte der girocard nach Unten bewegen und damit bleibt für die Zahlung per App eigentlich nur noch das Lastschriftverfahren mit dem ganzen Rattenschwanz dahinter übrig. Will das wirklich jemand?

Etwas anders sieht es in der Eventbranche aus. Hier ist Deutschland weiterhin Entwicklungsland, obwohl gerade Mastercard in den letzten Jahren durch entsprechendes Sponsoring gezeigt hat, dass sich Großevents problemlos bargeldlos gestalten lassen. Zumindest in den großen Fußballarenen ist Kartenakzeptanz inzwischen Alltag.

Fraglich ist aber, ob jemand nach zehn Bier auf einem Festival oder inmitten einer endlosen Schlange beim Konzert oder Pokalfinale im Berliner Olympiastadion noch gewillt ist, mit einer App herumzuhantieren und QR-Codes zu scannen. Meist ist ja schon das Artikulieren des Getränkewunschs eine Herausforderung. Da sind Apple Pay mit der Apple Watch oder eine VISA-Karte an einem um den Hals getragenen Bändchen schon praktischer. Der Verfasser dieser Zeilen spricht aus Erfahrung 😉

Somit sehe ich erst einmal kein einziges Bezahlproblem, welches eine luca-App lösen könnte.

Digitalisierungsrückstand in der Gastronomie allgegenwärtig

Anders als vielleicht beim reinen Bezahlvorgang gibt es in der Gastronomie hierzulande noch große Defizite was die Nutzung von Technologie angeht, was an dieser alltäglichen Situationsbeschreibung deutlich wird:

Während der Mittagspause sucht man ein Restaurant in der Nähe mit Mittagstisch auf. Alles ist darauf getrimmt, den Gästen schnell ein günstiges Essen servieren zu können. Dazu hat man die Karte auf 2-3 Gerichte reduziert, die sich binnen weniger Minuten servieren lassen.

Nachdem Essen möchte man bezahlen. Zunächst sucht man den Blickkontakt zur Kellnerin was zunächst nicht gelingt. Irgendwann hat man einem Kollegen von ihr den Bezahlwunsch mitgeteilt. Dieser antwortet mit „Ich sage der Kollegin Bescheid“. Diese kommt dann irgendwann an den Tisch und fragt „Zahlen Sie getrennt oder zusammen?“ Nach dem „ge…“ in getrennt rennt sie von dannen und kommt mit dem Portemonnaie zurück. Da wir mit Karte bezahlen wollen, sucht sie erst einmal ihren Kollegen, der gerade das einzige Kartenterminal an einem anderen Tisch im Einsatz hat.

So verlieren wir beide wertvolle Zeit. Uns kostet es zehn unnötige Minuten der eh zu kurzen Mittagspause und dem Restaurant entgeht wegen des länger besetzen Tisches unter Umständen Umsatz.

Wie schön wäre es, wenn man bspw. schon auf dem Weg zum Restaurant per App einen Tisch reservieren, sein Essen bestellen und bezahlen könnte. Oder aber wenn man zu Ende gegessen hat, die Bezahlung per Smartphone erledigen könnte. Die App würde die Daten der konsumierten Speisen und Getränke vom Kassensystem erhalten und die erfolgreiche Bezahlung zurückmelden.

Während der Corona-Lockdowns haben viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer der Gastronomie den Rücken gekehrt und werden so schnell wohl nicht zurückkehren. Um den Geschäftsbetrieb in wirtschaftlich notwendigen Umfang beizubehalten, wird man nicht umhin kommen die Abläufe zwischen Theke und Gästetisch zu optimieren.

An dieser Stelle sehe ich aber eher die Hersteller von Kassensystemen wie bspw. Vectron oder Orderbird als „natürliche“ Anbieter einer solchen Lösung.

Fazit

Die Vorgeschichte alleine lässt an einem Erfolg zweifeln. Dass hier wieder versucht wird, ein nicht (mehr) existentes Problem zu fixen kommt erschwerend hinzu. Ob luca in meinem Jahresrückblick 2022 eine Rolle spielen wird? Man weiß es nicht…

Marc-Oliver Schaake

Lotus / IBM / HCL Notes Professional Mag Reisen mit dem Zug, insbesondere mit Nachtzügen Kartenzahler seit 1987

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