16. Juli 2024
Logo des polnischen Bezahldienstes BLIK

Nationale Bezahlverfahren: Ein BLIK über die Neiße Teil 2: BLIK am POS

Vor rund viereinhalb Jahren habe ich an dieser Stelle schon einmal das polnische Bezahlverfahren BLIK kurz vorgestellt. Seitdem hat dieses enorm an Popularität im eCommerce zugelegt. Das einfache Handling, welches auf das Eingeben und Hinterlegen von Debit-/Kreditkartendaten verzichtet und nach einer einmaligen Eingabe einer sechsstelligen TAN aus der Banking-App ein Binding erzeugt, welches zukünftige Zahlungsfreigaben mit einem Klick erlaubt, hat sicherlich dazu beigetragen. Insbesondere in Apps zum mobilen Kauf von Öffi-Tickets oder zur Begleichung von Parkgebühren profitieren von der Vereinfachung. Wer steht schon gerne bei Wind und Wetter draußen und tippt erst einmal seine Kartendaten in eine meist mäßig auf mobile Endgeräte angepasste Maske ein.

Während in Deutschland die girocard gerade über Umwege wie Apple Pay oder giropay ihren Weg in die Welt des eCommerce sucht, geht man in Polen den umgekehrten Weg. Mit der starken Marke BLIK im Rücken möchte man auch wieder stärker am POS präsent sein. Das „wieder“ bezieht sich darauf, dass vor Jahren schon in einigen Geschäften möglich war, durch Nennung bzw. Scan des sechststelligen BLIK-Codes vor Ort zu bezahlen, vergleichbar mit unseren Händler-Apps von bspw. Netto Markendiskont. So richtig konnte sich das System allerdings nicht gegen die bereits früh überall verfügbaren NFC-Terminals und den Debitkarten von Visa und Mastercard durchsetzen.

Dafür gibt es seit 2021 nunmehr die Möglichkeit, weltweit am POS mit BLIK zu bezahlen. Voraussetzung ist ein Konto bei einer der teilnehmenden Banken und ein Android-Smartphone mit NFC. Aber wie funktioniert das?

Polnische Banken sind seit je her aber sehr experimentierfreudig was Payment angeht. Weit bevor Apple Pay und Google Pay an den Start gingen, gab es NFC-fähige SIM-Karten, NFC-Armbänder und HCE-basierte Lösungen in Mobile Banking Apps. Mit dem Erfolg von Google Pay und Apple Pay verschwanden allerdings die HCE-Lösungen aus den Android-Apps, so auch bei der Alior Bank.

Mit BLIK NFC erlebt HCE nun jedoch ein kleines Comeback. Hauptunterschied zu damals: Während man früher ein digitales Abbild seiner existierenden Plastikkarte in virtualisierter Form erhielt, wird heute mit Hilfe des Mastercard Digital Enablement Services (kurz MDES) eine unabhängige virtuelle Debitkarte erzeugt, die an jedem NFC-fähigen Terminal mit Mastercard-Akzeptanz funktioniert. Dass es sich hier um einen unabhängigen Dienst handelt, merkt man auch schnell wenn man mal in Fremdwährung bezahlt. Für Zahlungen mit der zum Girokonto gehörenden Debitkarte fallen teils abenteuerliche Fremdwährungsgebühren an. 10% und mehr sind hier keine Seltenheit. Mit der virtuellen BLIK-Karte orientiert man sich nah am tatsächlichen Wechselkurs. Apropos Fremdwährungsgebühren: Polnische Banken bieten eine Vielzahl von kostenlosen Konten und Karten in EUR, CHF, GBP und anderen Währungen an. Bestraft werden also nur unvorbereitete Gelegenheitsnutzer. Kommt einem irgendwie bekannt vor.

Wie bei Android üblich, muss man sich als Benutzer entscheiden, welche App standardmäßig mit der NFC-Schnittstelle verbunden ist. Darüber hinaus kann das Smartphone so eingestellt werden, dass immer mit der gerade geöffneten App bezahlt werden soll. So hat man immer die Wahl zwischen bspw. der Google Wallet oder der App seiner Hausbank.

Android: Auswahl der zum Bezahlen zu verwendenden App

Nähert man sich mit seinem Smartphone einem zur Zahlung bereiten NFC-Terminal, so simuliert die Banking App eine Debit Mastercard. Die Autorisierungsanfrage wird wie bei jeder Transaktion mit einer EMV-fähigen Debitkarte über das System von Mastercard an das Autorisierungssystem von BLIK weitergeleitet. Hier wird im Hintergrund dann die Bank des Endkunden kontaktiert und um Autorisierung der Zahlung gebeten. Insofern der Acquirer des Händlers mit BLIK zusammenarbeitet, erfolgt das Settlement direkt zwischen BLIK und dem Acquirer.

Braucht es in einem Land, in dem die Akzeptanz von Visa und Mastercard flächendeckend vorhanden ist, noch ein solches zudem auf Android reduziertes System? Sicherlich nicht. Das direkte Settlement bringt zwar ein wenig Gestaltungsmöglichkeiten zurück, aber am Ende des Tages funktioniert halt doch nichts ohne Mastercard und ihren MDES. Zu einer vollständigen Unabhängigkeit sind es dann schon noch ein paar Schritte. Allerdings zeigt dieses Beispiel auch deutlich, dass es auch in anderen europäischen Ländern immer noch Bestrebungen gibt, erfolgreiche nationale Systeme weiterzuentwickeln und neue Einsatzbereiche zu erschließen. Es ist mitnichten so, dass wir mit unserer girocard einen in Europa einmaligen Sonderweg beschreiten. Der Hauptunterschied besteht allerdings darin, dass in Polen sämtliche Kartenterminals Visa, V Pay, Mastercard und Maestro verarbeiten und BLIK als Option gesehen wird. In Deutschland hingegen sorgen renitente Händler und Gastronomen immer wieder für Frust. Und das nicht nur bei den vielzitierten Touristen, sondern auch Einheimischen die häufig ebenfalls keine girocard mehr besitzen.

Marc-Oliver Schaake

Lotus / IBM / HCL Notes Professional Mag Reisen mit dem Zug, insbesondere mit Nachtzügen Kartenzahler seit 1987

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