23. September 2020

Challenger-Banken: Die große Langeweile

Der Entwurf für diesen Artikel liegt schon etwas länger auf Halde, jedoch war ich mir bis zuletzt nicht so ganz sicher, ob ich ihn wirklich fertigstellen wollte.

Die Vorgeschichte

Aber first things first: Ich nutze bereits seit 1989 Online-Banking. Es fing an mit Btx und Konten bei der Deutschen Bank. Spätere Stationen für den Zahlungsverkehr waren die Dresdner Bank, Postbank, diverse Sparkassen (ich bin häufig mal umgezogen) und für die Geldanlage die ING DiBa. Kreditkarten nutze ich seit Anfang der 1990er. Darunter waren sowohl Chargecards als auch echte Kreditkarten vertreten. Eine Zeitlang nutzte ich Co-Branding-Karten, die getätigte Umsätze belohnt haben. Da ich in meinen Berliner Jahren mit Projekten in ganz Deutschland – außer Berlin – ziemlich viele Reisekosten produziert habe, kam da schon ordentlich was zusammen. Alle diese Produkte habe ich, inkl. der Konten und Karten bei Sparkassen, so bald wie es damals möglich wurde, ausnahmslos online genutzt. Zwecks eines besseren Überblicks habe ich seit Ewigkeiten StarMoney im Einsatz.

All das, war für mich Mittel zum Zweck um meinen Alltag zu organisieren. Um Reisen zu buchen, im Supermarkt an der Kasse keine Ware zurücklassen zu müssen oder auch um an das früher noch häufiger benötigte Bargeld zu gelangen. Dazu gehörte auch die Nutzung der GeldKarte, die lange Zeit beim Parken und im öffentlichen Nahverkehr die einzige bargeldlose Bezahlmöglichkeit darstellte. Derartige Prepaid-Systeme fand ich schon zum Marktstart doof, aber deswegen Parkknöllchen zu kassieren noch blöder.

Damals habe ich mich weder sonderlich für die Technik dahinter, die verschiedenen Kartenanbieter oder die Kosten für den Handel interessiert. Im Vordergrund stand das Bedürfnis, den Alltag mit Hilfe der bargeldlosen Zahlung und Online-Banking möglichst mit geringem Aufwand bewältigen zu können.

In der Rückbetrachtung gab es eigentlich nichts, was mir beim Banking oder der bargeldlosen Zahlung wirklich fehlte. Das Einzige was wirklich immer schon nervte, war die schlechte Kartenakzeptanz und das ganze Getue um Mindestumsätze und „zufällig kaputte“ Terminals in der Gastronomie in Deutschland.

Die Payback Maestro-Karte

Irgendwann im Jahre 2009 landete in meinem Berliner Briefkasten der Antrag für eine Maestro-Karte, die Payback in Zusammenarbeit mit der inzwischen verblichenen WestLB herausgab. Auf den ersten Blick wirkten lediglich die zusätzlich winkenden Payback-Punkte für Bezahlungen bei Nicht-Payback-Partnern interessant. 2009 war auch das Jahr, indem ALDI erstmals flächendeckend die Kartenakzeptanz eingeführt hat. Die Akzeptanz der Maestro-Karte glich in den ersten Jahren einem Glücksspiel im Inland.

2009 war aber auch das Jahr meiner ersten Polenreise und somit kamen zwei Features dieser Karte erstmalig zum Einsatz: Die kostenlose Zahlung in Fremdwährung und das kontaktlose Bezahlen. Eine wahre Revolution in Sachen Convenience.

Mit dieser neuartigen und schnellen Methode auch kleine Beträge bezahlen zu können, wuchs mein Interesse an dem Thema auch abseits der eigenen Bequemlichkeit.

Das erste Mal „Mobile Payment“

Zu einer Zeit, als das kontaktlose Bezahlen in Deutschland noch ausschließlich mit „obskuren“ Karten (obskur=alles außer den Karten der heimischen Sparkasse oder Volksbank) möglich war und man regelmäßig zu Unterschriften genötigt wurde, wenn man nicht gleich wegen „Hacken des Terminals“ Hausverbot bekam, machte ich mich daran auch das erste Mal das Bezahlen mit dem Smartphone zu testen. Für Android-Geräte und über einen Umweg auch für BlackBerry 10-Geräte, gab es u.a. von der Telekom ein Angebot namens „T-Mobile Wallet“.

Auch wenn es sich hierbei lediglich um einen anderen Formfaktor der Karte gehandelt hat und die PIN für Zahlungen >25€ weiterhin am Terminal eingegeben werden musste, wollte ich dennoch am Liebsten nie wieder mit der Plastikkarte bezahlen wollen.

Während die ersten dieser frühen Mobile Payment Angebote bereits wegen mangelndem Erfolg wieder eingestellt wurden, mussten wir in Deutschland noch verdammt lang auf die Einführung der wirklichen Gamechanger Apple Pay und Google Pay warten. Selbst bis zur Implementierung der NFC-Funktion auf der girocard und vielen Kreditkarten vergingen teils noch Jahre.

Eine Lücke tut sich auf

Mit der Einstellung sowohl der Telekom myWallet als auch der inzwischen an die BW-Bank übertragenen Payback Maestro, öffnete sich in Sachen kontaktlosem Bezahlen bei mir eine Lücke. Beide bisherigen Angebote nutzen Decoupled Debit zum Ausgleich von Zahlungen, so dass der Dreh- und Angelpunkt eigentlich stets das bestehende Girokonto bildete.

Auf der Suche nach alternativen Möglichkeiten zur kontaktlosen Zahlung stieß ich auf eine Reihe von Angeboten wie Revolut, DiPocket, VIMPay, bunq und boon. Aber auch mein Konto bei der polnischen Alior Bank wurde wieder häufiger von mir genutzt. N26 hingegen hat mich nie gereizt. Schließlich wollte ich doch nur Payment und nicht ein weiteres Konto.

boon. sollte dann auch der erste Anbieter werden, über den es möglich war, Apple Pay in Deutschland zu nutzen. Ich befand mich von jetzt auf gleich im Payment-Himmel.

Gemeinsamkeiten der Challengerbanken

Fast alle der getesteten Angebote haben einige Gemeinsamkeiten: Es gibt eine in der Regel kostenlose Prepaid- oder Debitkarte zumeist von Mastercard, teilweise aber auch von VISA, mit der man Montags bis Freitags ohne Fremdwährungsgebühren bezahlen kann. Eine entweder in Betrag oder Anzahl begrenzte Möglichkeit zur kostenlosen (oder kostengünstigen) Geldautomatennutzung besteht meistens auch.

Wer mehr Leistung möchte, dem wird ein kostenpflichtiges Kontomodell empfohlen, zu dem es in der Regel eine höherwertiger gestaltete Karte gibt. Die Gebühren für solche Black- oder Metal-Konten liegen dann aber auch in einem Bereich, den man von den klassischen Banken kennt. Nur mit dem Unterschied, dass man bei N26 und Revolut bei Problemen garantiert niemanden ans Telefon bekommt.

Jede dieser Banken – oder E-Geld Institute – haben darüber hinaus jeweils den einen oder anderen Schwerpunkt. Bei Revolut steht das Handling von Fremdwährung für den „Global Lifestyle“ der Kunden im Mittelpunkt, während sich das kostenpflichtige bunq durch eine Vielzahl wirklich interessanter Funktionen rund um die Organisation privater Finanzen im Freundes- und Familienkreis auszeichnet, aber für Menschen die dem WG-Alter entwachsen sind eher unter Spielkram laufen dürften.

Darüberhinaus bieten einige dieser Banken die Möglichkeit, Kryptowährungen und ausgesuchte Aktien zu handeln, Geld nachhaltig anzulegen oder on-the-go Versicherungen abzuschließen.

Ebenfalls nicht fehlen darf eine Funktion zum Senden und Anfordern von Geld im Freundeskreis. Sobald diese aber nicht Kunden der gleichen Bank sind, endet die Usability in der Eingabemaske für eine IBAN. Da ist PayPal einfach nur komfortabler, da einfach weiter verbreitet in Deutschland.

Zentraler Dreh- und Angelpunkt und Aushängeschild sind die jeweiligen Apps der Institute. Da ein großer Teil der Kundschaft diese Angebote nicht als Haupt- oder einziges Konto nutzen und mit Ausnahme von N26 ausschließlich im Guthaben zu führen sind, kommt man unweigerlich an den Punkt, wo die vielen Apps auf dem Smartphone eher nerven. Vom fehlenden Überblick ganz zu schweigen.

Glücklicherweise gibt es die App Outbank, die inzwischen auch Star Money bei mir nahezu verdrängt hat. Mit Hilfe dieser App kann ich auf allen Apple Endgeräten den gleichen Datenbestand nutzen und es werden auch die Konten der ganzen Neo-Banken eingelesen und deren Umsätze kategorisiert und getagged.

Neben den immer wieder in Foren diskutierten Service-Problemen ist das Fehlen einer Kreditkarte (Charge-Card) mit Kreditrahmen für mich der größte Showstopper, um mein Konto zu so einer Bank zu verlegen. Auch das Fehlen einer girocard ist in manchen Regionen in Deutschland immer noch ein Problem.

Retailbanken und Mobile Payment

Nachdem inzwischen fast alle klassischen deutschen Banken kontaktlose Karten ausgeben, ihren Kunden Apple Pay und Google Pay resp. eine entsprechende Android-App anbieten, ist für mich der Hauptgrund weggefallen, mich intensiver mit den Challengern zu beschäftigten. Lediglich die Ersparnis der Fremdwährungsgebühren ist für mich noch ein Grund bei Revolut zu bleiben. OK, die Maestro-Karte für Apple Pay in den Niederlanden ist vielleicht noch ein Weiterer.

Alles Andere was mir wichtig ist, gibt es inzwischen an jeder Häuserecke. Unter Anderem bei der DKB sogar kostenlos, wenn man auf Filialen verzichten mag.

Wo bleibt die Revolution?

Die meisten der Fintechs und Challenger-Banken sind angetreten, um den Bankensektor zu revolutionieren. Sie wollten alles irgendwie anders aber auch besser machen. Das dazu dann noch für die Kundschaft weitestgehend kostenlos.

Mit den ständig öffentlich thematisierten Servicemängeln haben sie allerdings bei vielen Kunden die wichtigste Währung verspielt: Das Vertrauen.

Statt innovative Services zu entwickeln, was immer diese auch sein mögen, hat man sich zuletzt noch dazu darauf fokussiert, den Kunden kostenpflichtige Kontomodelle mit schicken Bling-Bling-Karten zu verkaufen. Neben dem schickeren Aussehen, was besonders an statusbewusste Menschen appelliert, werden diese Karten mit Versicherungen und irgendwelchen in der Praxis eher unbedeutenden Goodies gebündelt. Ein Geschäftsmodell was seit Jahrzehnten erfolgreich von jeder Bank mit den Gold-Kreditkarten praktiziert wird und jeden Sparkassendirektor gähnen lässt.

Dabei muss man sich aber stets bewusst sein, dass eine Metal-Karte von Revolut zwar unheimlich toll aussieht, am Ende aber dennoch nur eine Prepaid-Karte ist, welche bei einer Kontounterdeckung von nur einem Cent beim ALDI an der Kasse die rote Lampe angehen lässt. Dafür sind 14€ pro Monat dann doch etwas happig.

Ist also alles gut im Bankensektor?

Auch wenn meine persönliche Bewertung der aufstrebenden Wettbewerber eher nüchtern ausfällt und meine damaligen Pain-Points inzwischen auch von den etablierten Anbietern weitestgehend gelöst wurden, darf man jedoch nicht außer Acht lassen, dass dort eben nicht alles gut ist.

Neben der anhaltenden Niedrigzinsphase machen ein teures Filialnetz, immer weiter ausufernde Regulatorik, teilweise veraltete IT-Systeme und die Kostenlosmentalität der Kundinnen und Kunden den Damen und Herren in den Bankzentralen zu schaffen.

Notwendige Erhöhungen der Kontoführungsgebühren verscheuchen allerdings zuerst diejenigen Kunden, die auch bankingmäßig mobil sind und denen es im Zweifel egal ist, auf welcher Webseite sie sich für eine Überweisung einloggen. Es bleibt also verstärkt die Kundschaft, die auf die teuren Filialen und personenbedienten Service angewiesen ist.

Ob sich das dauerhaft mit Immobilienfinanzierungen und dem noch lukrativen Firmenkundengeschäft kompensieren lässt, ist jedoch fraglich. Inzwischen ist es üblich, dass Häuslebauer die Konditionen vorab im Internet vergleichen und den günstigsten Anbieter wählen, der ihnen den Zuschlag erteilt.

Mein Fazit

Auch wenn für mich persönlich nahezu alle Gründe entfallen sind, jedes neue Bankingangebot zu testen, so darf man jedoch nicht vergessen, dass mit der Einführung kontaktloser Bankkarten, Mobile Payment und verbesserter Bankingapps der Gap zu den Neo-Banken zwar verringert wurde, aber dies noch lange kein Grund dafür ist, die Hände selbstzufrieden in den Schoß zu legen.

Früher oder später kommt wirklich jemand, der das Banking revolutionieren wird. Mit was auch immer.

Marc-Oliver Schaake

Lotus / IBM / HCL Notes Professional Mag Reisen mit dem Zug, insbesondere mit Nachtzügen Kartenzahler seit 1987

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