5. Juli 2022

2021: Rückblick auf ein insgesamt verrücktes Jahr

Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen und es wird Zeit, ein wenig zurückzublicken. Corona hat sich wieder wie ein roter Faden durch das ganze Jahr gezogen. Erst das Warten auf den Impfstoff, dann die Hoffnung dass sich genügend Menschen finden, die sich auch impfen lassen und nicht zuletzt zwei Virusvarianten, die die Wirksamkeit der Impfstoffe hart auf die Probe stellen. Dazwischen dann ein wenig Euphorie über vermeintliche Normalität und eine Ahnung, dass der Winter wieder hart werden würde.

Im Vergleich zu den vergangenen Jahren bin ich recht wenig gereist, auch wenn im September/Oktober gleich vier Wochen Workation in Andalusien auf dem Plan standen. Die Erfahrungen werde ich auch noch in einem Blogpost verarbeiten.

Allerdings konnte ich dieses Jahr zum ersten Mal nach Stockholm fahren, dem Mekka für Cashless-Freaks. Und das ist vielleicht das erste Fazit für 2021 wenn es um das bargeldlose Bezahlen geht: Auch wenn sich noch einige Branchen sträuben, so ist Dank NFC das Bezahlen mit Karte oder Smartphone inzwischen auch in Deutschland völlig normal geworden, so dass der große Kulturschock in Schweden irgendwie ausgeblieben ist.

Das ist mit ein Grund, warum es hier auf dem Blog im Jahr 2021 etwas ruhiger geworden ist. Zwei spannende Projekte im Payment-Umfeld und die komplette Neuentwicklung unseres auf HCL (Lotus) Notes basierenden CRMs wollen auch irgendwie gestemmt werden, da bleiben Hobbyprojekte gerne mal auf der Strecke. Nichtsdestotrotz hat anlässlich der Anschaffung eines e-Autos (Peugeot e-208 GT) dieser Blog nun eine neue Themenkategorie.

Wie üblich, möchte ich an dieser Stelle zunächst einmal auf meinen Wunschzettel an das Jahr 2021 zurückblicken und schauen, was aus den einzelnen Themen geworden ist:

In-app Payment mit Apple Pay (und Google Pay)

Ja, es sind mehr Anbieter geworden, die ihren Kundinnen und Kunden das bequeme Bezahlen mit den Wallets der Betriebssystemhersteller ermöglichen, allerdings gibt es immer noch genügend Apps, die einen dazu nötigen Kartendaten in winzige Felder einzugeben. Richtig negativ ist mir das bei einigen Betreibern von Ladesäulen aufgefallen wenn es darum ging, ad-hoc etwas Strom auf der Autobahn nachzuladen.

Kartenakzeptanz mit dem Smartphone

Während viele gebannt auf Lösungen aus anderen Märkten warteten, preschten hier PayOne und die Sparkassen vor. Ein Android-Telefon mit NFC und ein Vertrag genügen, um schnell und umkompliziert Karten zu akzeptieren. Inklusive der girocard. Leider warte ich bis heute auf eine Möglichkeit, die App einmal selbst testen zu können ohne eines unserer Firmenkonten dafür zu mißbrauchen.

Micromerchants und P2P

Während man die kleinen mPOS-Terminals von SumUp und Zettle immer häufiger in Geschäften antrifft, wartet man auf alternative App-basierte Angebote vergebens. PayPal hat es immerhin geschafft, seine Vorstellungen in eine Case Study zu verwandeln.

Im privaten Umfeld (zumindest in meinem) entwickelt sich PayPal jedoch immer mehr zum Standard, wenn es darum geht Rechnungen aufzuteilen, Geld für Geburtstagsgeschenke zu sammeln etc.

Debitkarten von VISA und Mastercard

Ja, da war 2021 richtig Musik drin. Aus der Gruppe der Direktbanken starteten direkt mehrere Institute mit neuen Angeboten zur schrittweisen Ablösung der girocard:

im Rahmen der Überarbeitung der Kontomodelle haben alle der o.g. Banken die girocard in die zweite Reihe verbannt. Teilweise wird diese mit ca. 12€/Jahr zumindest für Neukundinnen und Neukunden kostenpflichtig. Dabei fiel zumindest bei der comdirect schon einmal das Co-Badge hintenüber.

Auch wenn man sich noch nicht zum kompletten Ausstieg durchringen konnte, dürfte man zumindest von diesen Banken nicht erwarten, dass evtl. irgendwann zur Verfügung stehende neue Funktionalitäten für die girocard dort bereitgestellt werden.

girocard In-app und Online

Auch wenn es bis August 2020 viele bezweifelt haben, so sind die Sparkassen damals mit Apple Pay für die girocard gestartet. Gleichzeitig hat man auch angekündigt, dass neben dem Einsatz am POS auch bald die Möglichkeit geschaffen werden soll, diese „in-app“ einzusetzen. Das funktioniert nunmehr seit Juli 2021.

Testen kann man das u.a. bei Lieferando, Media Markt, Flixbus und HandyTicket Deutschland (einige Regionen/Verkehrsbetriebe). Obwohl auch McDonalds mit ihrer App inzwischen zu Adyen als Zahlungsdienstleister gewechselt sind und dieser die girocard-Anbindung anbietet, funktioniert es dort noch nicht.

Käufe über Apple Pay sind mit der girocard vergleichbar gegen Leistungsstörungen abgesichert, wie Zahlungen mit den internationalen Kreditkarten.

So schön und praktisch diese Funktion für Kundinnen und Kunden der Sparkassen auch ist, es fehlt ja immer noch die mehr oder weniger universelle Einsetzbarkeit der girocard im Fernabsatz via Web-Browser auf dem PC oder einem Android-Smartphone. Hier wollten die Genossenschaftsbanken eigentlich 2021 etwas auf den Markt bringen. Allerdings warten die Kundinnen und Kunden bislang vergebens auf Nachrichten. Sollte hier wieder das alte Motto des Münsteraner Rechenzentrums gelten? („GAD“=“Geht, aber dauert!“) Oder hat man die Arbeiten daran gleich eingestellt, weil man bei epi all-in gehen will?

european payment initiative und die epi Debitkarte

Und da wären wir schon bei epi. Aus dem großen Wurf einer neuen Bezahlinfrastruktur auf Basis von Echtzeittransfers wurde zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung inzwischen hauptsächlich ein Auffangbecken für bestehende nationale Bezahlsysteme mit einem starken Fokus auf einer europäischen Debitkarte, die den Kampf mit VISA und Mastercard aufnehmen soll.

Während man ja eigentlich bis 2022 zumindest ein MVP am Start haben wollte, so sucht man auch Ende 2021 hauptsächlich erst einmal nach Geld für die Entwicklung und Aufbau der Strukturen.

Wie kaum anders zu erwarten, bestehen in einigen Ländern noch immer große Vorbehalte und selbst in Deutschland scheinen die Banken, die gerade erst ihre Geschäftsbeziehung zu VISA intensiviert haben, wenig Lust darauf zu haben einen Scheck zu unterschreiben.

Vielleicht dämmert es einigen Vorständen auch, dass ein System was ausgerechnet vom Handel mit Vorschussloorbeeren bedacht wird, dem die heutigen im internationalen Vergleich sehr günstigen girocard-Entgelte schon zu hoch sind, keinen Garanten für einen Selbstläufer darstellt.

epi muss sich von Tag Eins an im Wettbewerb mit Mastercard und VISA messen. Sollte als Erstes eine Debitkarte auf den Markt kommen, so muss diese auch am POS und im Netz akzeptiert werden. Und da wird es spannend, da man sich hier dann nicht nur auf eines der bestehenden Marktmodelle festlegen muss, sondern damit auch gleichzeitig zementiert ob man sich preislich in Richtung Mastercard und VISA entwickelt oder aber den Kampf um Marktanteile mit girocard-Preisen aufnimmt. Beides gleichzeitig geht nicht.

Also auch hier gilt: Abwarten und Tee trinken.

Google Pay vs. „Mobiles Bezahlen“ & Co.

Kurzfassung: Die bankeigenen Apps gibt es immer noch und werden weiterentwickelt. Aus Sicht der Kundinnen und Kunden, die Konten bei mehreren Instituten unterhalten, keine guten Nachrichten, da das Handling mehrerer Apps und Karten mit NFC unter Android eher nervig ist.

Apps bündeln, SCA und TAN zusammenlegen

Abgesehen von einem vereinfachten Flow (Freigabe statt TAN-Eingabe) hat sich bei den Sparkassen nicht viel getan.

Der digitale Kassenbon

Es war das Aufreger-Thema 2020 bis Corona kam. Aktuell gibt es zwar einige Handelsketten, die in ihren Apps einen digitalen Kassenbon anbieten, aber auf eine einheitliche händlerübergreifende Lösung warten wir vergeblich.

Fremdwährungsgebühren und Reisepakete

2021 war wahrlich kein gutes Reisejahr. Sowohl bei Filialbanken als auch den meisten Direktbanken hält man weiterhin an diesen unsinnigen Gebühren fest. Vielleicht passiert ja 2022 etwas. Man soll die Hoffnung nicht aufgeben. In der Zwischenzeit einfach weiterhin Angebote wie die Barclays VISA nutzen.

Abnehmende Bargeldliebe

Ohne jetzt die genauen Zahlen für 2021 bereits zu kennen, so stellt man allerorten fest, dass mehr und mehr Menschen auch kleinere Beträge mit Karte oder Smartphone bezahlen, auch wenn der Kipppunkt noch nicht erreicht ist, ab dem es sich kein Unternehmen mehr leisten kann, keine Karten zu akzeptieren.

Nachdem nun der Wunschzettel abgearbeitet ist, noch ein Blick auf was sonst noch so wichtig war.

Das Ende ist nah: Maestro abgekündigt

So richtig verwundern konnte die Nachricht eigentlich niemanden mehr. Mastercard hat angekündigt, dass ab Mai 2023 keine neuen Maestro-Karten mehr ausgegeben werden. Auch wenn der Anteil der Maestro-Transaktionen im Inland kaum messbar ist, so setzt diese Entscheidung natürlich die Banken unter Druck, sich für den Auslandseinsatz der girocard etwas zu überlegen, also entweder ein Co-Badge mit Debit Mastercard anzubieten oder lieber gleich ganz auf die Debit Mastercard zu wechseln.

Bei den Sparkassen kann man das ganz locker sehen, da die Kombination girocard und Debit Mastercard fertig im Regal liegt und sich lediglich die regionalen Vorstände dazu durchringen müssen, diese ihren Kundinnen und Kunden auch anzubieten.

Andere Banken dürften damit ziemlich unter Zugzwang stehen, zumal die bestehende Alternative von V Pay von VISA zwar noch nicht abgekündigt wurde, die Überlegungen dazu aber seit Längerem bestehen.

Bei der ganzen Euphorie hoffen wir mal, dass man in unserem Nachbarland, den Niederlanden, endlich die Terminal-Migration auf die Kette bekommt, da man aktuell ohne Maestro oder V Pay dort noch aufgeschmissen ist. Ich habe mir auf jeden Fall noch einmal eine neue Maestro von Revolut gegönnt und habe damit bis 12/2026 Ruhe. Bis dahin wird man wohl auch zwischen Ameland und Valkenburg fertig sein.

Das Ende der Kostenloskultur

Im Jahr 2021 haben einige Banken auch langsam eine Abkehr vom komplett kostenlosen Girokonto genommen. Egal, ob nunmehr ein Mindestgeldeingang pro Monat erwartet wird oder die girocard mit 1€/Monat zu Buche schlägt. Dass sich diese Entwicklung nochmal umkehrt, ist nicht zu erwarten und bis zum Preisniveau einiger Sparkassen ist noch Einiges an Spielraum für weitere Erhöhungsrunden.

Kartenzahlung an der Ladesäule

In Zukunft soll an allen DC-Ladesäulen das direkte Bezahlen mit Debit- und Kreditkarten möglich sein. Was die neue Verordnung leider nicht löst, ist die Tatsache dass das sog. „ad-hoc“-Laden meist teurer ist als mit einer der vielen Anbieter übergreifenden Ladekarten. Praktisch ja, so richtig brauchen tut man das Ganze irgendwie nicht. Mehr hierzu auch hier im Blog.

Buy Now – Pay Later

BNPL gewinnt zunehmend an Beliebtheit. Bekanntermaßen bin ich kein Freund davon.

Etwas vergessen?

Mehr fällt mir gerade nicht mehr zu 2021 ein. Sollte ich ein wichtiges Thema vergessen haben, so nehme ich Hinweise jederzeit gerne entgegen.

Marc-Oliver Schaake

Lotus / IBM / HCL Notes Professional Mag Reisen mit dem Zug, insbesondere mit Nachtzügen Kartenzahler seit 1987

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